Aktuelles
Biografiearbeit
Unsere Projekte
Weiterbildungen
Materialien für Sie
Über Memory e.V.
Kontakt/ Impressum


BesucherInnen auf unserer Seite:


Was ist Biografiearbeit?

Mit Hilfe von Biografiearbeit wird das eigene Leben in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft reflektiert. Man spricht in diesem Zusammenhang von „biografischer Selbstreflexion“, die „wesentlich durch das Herstellen von Sinnzusammenhängen biografischer Erfahrungen erreicht wird“ (Gudjons et al. 2008, S. 14). Ein wichtiges Merkmal ist die Bezugnahme auf die Lebenswelt sowie auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen, in denen das eigene Leben stattfindet bzw. stattgefunden hat. Dadurch wird das Verständnis für die eigene Person und den Lebensweg vertieft. Darüber hinaus versteht sich Biografiearbeit als ein Werkzeug, gegenwärtiges und zukünftiges Leben individuell zu entwerfen und Handlungsmöglichkeiten zu konkretisieren. So trägt sie zur Entwicklung der „Schlüsselkompetenz bewusster Lebensgestaltung“ bei (Jansen 2011, S. 20).


Biografie –  Ein Begriff mit vielen Facetten

Wir verstehen unter Biografie die „Organisation und Neuorganisation von Erfahrungen“ (Schulze 1993). Die eigene Biografie ist unserer Auffassung nach ein Konstrukt, das jeder Mensch mehr oder weniger bewusst immer wieder neu gestaltet. Dabei spielt nicht nur die Vergangenheit eine prägende Rolle, sondern auch die aktuelle Lebenssituation, in der Ereignissen oder Lebensphasen eine bestimmte Bedeutung beigemessen wird. Indem Erinnerungsräume betreten, mitgeteilt und Erzählungen gehört werden, erfahren sie Wertschätzung. Manchmal geschieht dies auch beim Fragen nach scheinbar Nebensächlichem: „Ich dachte gar nicht, dass das jemanden interessieren könnte“, erwiderte eine Teilnehmerin auf die Ermunterung, etwas über ihre Schulzeit im Herkunftsland zu berichten. Später schrieb sie darüber zum ersten Mal etwas für ihren Sohn auf.
 

Assoziationen zum Begriff "Biografie"

 Gesammelt mit TeilnehmerInnen einer unserer Weiterbildungen. Durchgezogene Linien = spontane Assoziation; gestrichelte Linien = Querverbindungen im Nachhinein. Es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit und darf gerne weiter gedacht werden.


Ressourcenorientierte Biografiearbeit

Folgt man der ursprünglichen Bedeutung der Worte „Ressource“ (frz. ressource = Mittel, Quelle von lat. resurgere hervorquellen) und „Biografie“ (griech. bios = Leben, Lebenszeit; gráphein = schreiben, zeichnen, abbilden, darstellen), lässt sich ressourcenorientierte Biografiearbeit als ein auf die Quellen ausgerichtetes Darstellen des eigenen Lebens beschreiben.

Ressource
norientierte Biografiearbeit hat in Anlehnung an Hölzle (2011a) vier Schwerpunkte:

biografisch erworbene Ressourcen bewusst und nutzbar machen
Handlungsspielräume im eigenen Leben erkennen
Krisen als Herausforderungen und Lernchancen begreifen
Gemeinsames im Individuellen entdecken


Grundlagen ressourcenorientierter Biografiearbeit

In den letzten Jahrzehnten hat sich in den Sozial- und Gesundheitswissen-schaften die Erkenntnis verbreitet, dass die ausschließliche Erforschung von Defekten und Krankheiten eine einseitige Sichtweise auf den Menschen beinhaltet. Es entstanden Konzepte, die nicht mehr Defizite, sondern Ressourcen und Wachstumspotenziale des Menschen in den Mittelpunkt stellen. Dazu gehören vor allem die Resilienzforschung, die Salutogenese und die ressourcenorientierte bzw. Positive Psychologie. Mehr dazu finden Sie in unseren Literaturlisten. Die Ressourcenorientierung, die in allen genannten Ansätzen ein zentrales Merkmal darstellt, ist prägend für neuere Ansätze der Biografiearbeit und bildet die Grundlage für unsere praktische Arbeit.

Salutogenetisch orientierte Biografiearbeit konzentriert sich auf die möglichen Ressourcen, die Menschen auch in schwierigen Situationen zur Verfügung stehen. Sie unterstützt dabei, das eigene Leben zu verstehen, Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten wahrzunehmen und Sinnzusammenhänge individuell herzustellen. Das Erzählen von Lebensgeschichten sehen wir bereits als einen ersten Schritt der Gestaltung.

Wir betrachten diese Hintergründe in unserer Tätigkeit nicht nur als erhellende Theorien, sondern auch als Lernfeld. Ressourcenorientierung ist unserer Auffassung nach eine Sichtweise, die sich nicht durch einmalige Wissensaufnahme aneigenen lässt, sondern nur in einem längern Erfahrungsprozess eingeübt und umgesetzt werden kann. Daher nimmt dieses Thema in unseren Weiterbildungen einen wichtigen Raum ein.

Auszug aus unseren Begleitmaterialien: Resilienz und Salutogenese (pdf)


Was ich alles kann!


Zitate aus der Fachliteratur

Mit dem Kohärenzgefühl ist die tiefe Überzeugung eines Menschen gemeint, dass das Leben trotz vieler Belastungen, Risiken und Unwägbarkeiten doch im Prinzip zu verstehen ist, überwiegend Sinn macht und die auf ihn zukommenden Probleme zu bewältigen sind. (Faltermaier 2005, S. 64)

***

Ressourcenorientierte Biografiearbeit bedeutet, das Kohärenzgefühl und die biografischen Chancen zur Entwicklung psychischer Widerstandsfähigkeit in den Mittelpunkt stellen, d.h., sie zu erinnern, sie zu aktivieren und für die weitere Lebensplanung nutzbar zu machen. (Hölzle 2011a, S.77)

***

Biografiearbeit ist eine wirkungsvolle Möglichkeit, bei Kindern und Jugendlichen ein positives Selbstkonzept zu fördern und somit zur psychischen Widerstands-fähigkeit (Resilienz) beizutragen. Kinder und Jugendliche können sich durch Biografiearbeit selbst besser kennen lernen, ihre ungewöhnliche Lebensgeschichte besser in ihr Leben integrieren und Lebensfreude auf die Zukunft entwickeln. (Wiemann 2011, S.121)


Ressourcenorientierte Biografiearbeit als Empowerment

Der Begriff Empowerment kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie „Selbstbefähigung, Selbstermächtigung, Stärkung von Eigenmacht und Autonomie“ (Herriger 2010, S. 13). Wie bereits beschrieben, verleihen ErzählerInnen ihren Lebensgeschichten im Nachhinein eine Bedeutung, die sich aus dem aktuellen Lebenskontext ergibt. Wo Menschen sich als wertlos und schwach erfahren, wird die Deutung der eigenen Lebensgeschichte diese Schwäche untermauern („Früher war alles besser“ - „Ich habe sowieso immer Pech“ usw.). Im Sinne des Empowerments wird die eigene Lebensgeschichte jedoch nicht aus einer Ohnmachtshaltung, sondern aus einer Haltung der Selbstermächtigung heraus interpretiert. Nicht andere deuten mein Leben, sondern ich deute es selbst. Dies heißt auch, Lebensleistungen, die vielleicht von außen nicht wahrgenommen werden, selbst als solche anzuerkennen.


Ethische Rahmenbedingungen

Biografiearbeit ist eine Methode, die sich seit den 1980er Jahren in Deutschland entwickelt hat. In viele Bereiche der Sozialarbeit, Bildung und soziokulturellen Arbeit hat sie inzwischen Eingang gefunden. Um die Professionalität der Arbeit zu gewährleisten, richten wir uns nach ethischen Rahmenbedingungen und Standards, wie sie Fachkräfte entwickelt haben (Hölzle/ Jansen 2011, Miethe 2011). Dazu gehören Zuverlässigkeit, Vertraulichkeit, Sensitivität und Reflexivität. Biografiearbeit gedeiht nur in einer Atmosphäre, in der Angebote zuverlässig sind und in der ein Vertrauensverhältnis zwischen den Beteiligten entstehen kann. Gerade letzteres braucht manchmal viel Zeit. Neben der Freiwilligkeit, das Angebot wahrzunehmen, bedeutet Sensitivität u.a. auch den bewussten Umgang mit sozialen, kulturellen, ethnischen und religiösen Zugehörigkeiten. Reflexivität auf Seiten der Leitung erkennt nicht zuletzt auch die Grenzen der Biografiearbeit im Hinblick auf überfordernde Lebensereignisse an. Dies sind nur einige Beispiele, an denen sich ethische Rahmenbedingungen festmachen. Wir verweisen auf unsere pädagogischen Begleitmaterialien, in denen wir unsere Herangehensweise und die Voraussetzungen dafür nicht nur für die Arbeit mit Jugendlichen festgehalten haben (Morgenstern/ Memory e.V. 2011).

Im Rahmen unserer Projekte entwickeln wir unsere Arbeit stetig weiter. So auch in unserem aktuellen Projekt Biografiearbeit im Stadtteil. Weitere Informationen zu folgenden Themen finden Sie in unseren Materialien:

Weitere Informationen, u.a. zu den Themen

► Möglichkeiten und Grenzen von Biografiearbeit

► Stabilisierende Biografiearbeit

► Planung von Projekten

► Biografiearbeit und Öffentlichkeit

finden Sie hier: Grundlagen der Biografiearbeit

 

Top
© Memory Biografie- und Schreibwerkstatt e.V. | info@memory-werkstatt.de