Lebensbuchautorin Franziska:

Es gibt einfach so viel, das ich noch zu sagen habe

Was hat dich dazu bewogen, am Projekt „Meine Geschichte für Dich“ teilzunehmen?

Franziska: Ich hatte schon mal darüber nachgedacht, einige Geschichten, die ich als Kind erlebt habe, aufzuschreiben. Aber wenn man sich das zuhause vornimmt, macht man das ein, zwei Mal und dann nicht mehr. Mich hat angesprochen, einen geschützten Raum zu haben, in dem man unter Anleitung schreiben kann.

Für mich war dieser Raum wichtig, und der feste zeitliche Rahmen einmal die Woche. Sich dafür extra Zeit zu nehmen, sich in der Gruppe zu treffen und einfach zusammen zu sitzen. Miteinander zu reden, ganz einfach anhand der Vorlagen mit dem Schreiben anzufangen und von anderen zu hören.

Wie ging es dir während des Schreibens?

Franziska: Es hat Spaß gemacht! Wenn ich schreibe, dann bin ich völlig drin und erlebe das nochmal. Und dann kommen noch mehr Geschichten, an die man sich erinnert, auch lustige Sachen. Ich habe auch gelacht, während ich geschrieben habe.

Ich habe, wie gesagt, zunächst die Vorlagen genutzt, um einen Anfang zu finden und um in die Thematik hineinzukommen. Der Anfang ist ja meistens das schwierigste. Das war eine gute Orientierungshilfe, dann habe ich frei geschrieben. Über meine Familienmitglieder, wer zu meiner engsten Familie gehört, über unsere Namen, und dann einfach über lustige Geschichten, die mir eingefallen sind. Das kam recht schnell, und ich musste dann entscheiden, was ich reinnehme und was ich rauslasse.

Dann kamen aber auch Geschichten hoch, die nicht so schön waren, z.B. über die Schule. Das war ja damals komplett anders als heutzutage. Einerseits war es gut, das mal aufzuschreiben, andererseits war ich mir nicht sicher, ob mein Sohn das unbedingt wissen muss. Ich habe lange überlegt, ob ich wieder etwas rausnehme, bevor ich es ihm gebe. Aber dann hatte ich es schon angekündigt, und er hat immer wieder nachgefragt: „Wann ist es denn fertig, wann kriege ich es denn?“

Wie war es, als du deinem Sohn das Buch überreicht hast?

Franziska: Er war sehr neugierig und hat sich total gefreut, als ich es ihm gegeben habe. Und ich habe mich darüber gefreut, dass er sich so gefreut hat! Dass das Büchlein nur für ihn ist, fand er toll. Er hat es sich zuerst allein angesehen, besonders die Bilder, dann haben wir uns zusammengesetzt, und ich habe es ihm erklärt. Es war schön, denn wir haben uns Zeit füreinander genommen, nur wir beide zusammen. Ich habe vorgelesen und dazu erzählt, das mag er sehr gern. Er fragt dann nach und will noch mehr wissen: „Erzähl mal! Erzähl mal noch was Lustiges!“ Ich habe ihm vorher schon Geschichten von früher erzählt. Aber wenn man etwas in der Hand hat, ist das nochmal etwas ganz anderes.

Gab es etwas, das du deinem Sohn mit dem Büchlein sagen oder zum Ausdruck bringen wolltest?

Franziska: Hauptsächlich ging es mir darum, dass er eine Vorstellung davon bekommt, wie ich aufgewachsen bin. Ich wollte ihm aufschreiben, wie es früher war, dann sieht er, wie toll er es jetzt hat, was Familie und Schule angeht. Wie wir damals gelebt haben, das war komplett anders, auf dem Dorf zu DDR-Zeiten. Jetzt hier in Berlin ist alles viel freier.

Hat er bei den Themen nachgefragt, die du als nicht so schön bezeichnet hast?

Franziska: Wir haben diese Themen erst mal außen vor gelassen und werden im Laufe der Zeit mehr darüber sprechen.

Wie war es denn für dich, wenn andere in der Gruppe Themen angesprochen haben, die für sie schwierig waren? Wie ging es dir damit?

Franziska: Es hat mich beeindruckt, dass andere darüber reden und einen Teil von sich preisgeben konnten. Ich habe gerne zugehört und das in mich aufgenommen. Für manche ist es ja auch hilfreich, Zuhörer zu haben. Ich hätte mir aber nicht vorstellen können, in der Gruppe näher darauf einzugehen. Es war gut, dass jeder erzählen und vorlesen konnte, oder auch nicht. So habe ich mich völlig frei gefühlt, über was ich schreibe und über was nicht.

Hast du mit Menschen, die dir nahe stehen, über das gesprochen, was dich bewegt hat und was du geschrieben hast?

Franziska: Ja, mit meinem Mann schon ein paar Mal. Er hat fand es gut, dass ich mich einfach hingesetzt und das aufgeschrieben habe.

Was war für dich im Nachhinein das Wichtigste an dem Projekt?

Franziska: Es einfach anzupacken und zu schreiben, auch einen Teil der eigenen Geschichte nochmal zu reflektieren. Und vor allem möchte ich meinem Sohn dieses Büchlein hinterlassen, wie ein kleines Erbe, ein Nachlass.

Meine Eltern haben früher auch sehr viel erzählt, immer abends am Küchentisch. Ich kann mich noch gut an ihre Erzählungen, speziell die meines Vaters erinnern. Was ich davon vergessen habe, ist jetzt einfach weg für immer. Und es ist so schade, wenn Wissen verloren geht. Allein für die eigene Familie Dinge aufzuschreiben, die man erlebt hat, die schön waren oder vielleicht auch nicht so schön, damit dieses Wissen erhalten bleibt. Und wenn man als Kind oder Enkelkind das Bedürfnis hat, darüber zu lesen, einfach zum Bücherregal gehen kann, sich das rausnehmen und lesen kann.

Deswegen möchte ich unbedingt weiter an dem Büchlein arbeiten. Bisher umfasst es nur einen Bruchteil dessen, was ich erlebt habe.

Persönliche Geschichte ist ja auch in Zeitgeschichte eingebettet. In Deutschland haben wir in den letzten Jahrzehnten einige Umbrüche erlebt. Hat dich das während des Schreibens beschäftigt?

Franziska: Ja, ich wollte aber nicht zu detailliert darauf eingehen. In unserer Familie war das früher sehr präsent. Wenn Leute zu uns kamen, hat man sich unterhalten über den Staat, über die Stasi, und dass irgendwo in Bautzen ein Gefängnis ist. Dann hieß es immer: „Erzähl nichts in der Schule!“, immer mit dem Zeigefinger: „Erzähl nichts!“ Es hat mich beeinflusst, dass ich nicht wusste, mit wem ich reden konnte und mit wem nicht.

Ich hätte es auch wichtig gefunden, das im Büchlein rüber zu bringen, aber ich wollte vorwiegend lustige Sachen schreiben.

Du kannst das Büchlein auch als Anlass nehmen, deinem Sohn davon zu erzählen, wenn er älter wird.

Franziska: Mein Sohn weiß Bescheid, wir haben ihm das schon erzählt. Ich fand das früher unheimlich belastend. Es war kompliziert bei uns, weil meine Mutter meinen Bruder und mich taufen ließ und mein Vater nicht darüber Bescheid wusste. Da gab es diesen Konflikt mit ihm. In der Kirche gab es eine Kinder- oder Jugendgruppe zu der wir nur hin durften, wenn mein Vater nicht da war. Das war schwierig. Aber ich dachte, das nimmt zu viel Platz ein im Buch, und das sollte eher lustig sein.

Das Thema „Geheimhalten“ hat mich in meiner Kindheit sehr geprägt, und auf jeden Fall sind das heute noch die Nachwirkungen. So langsam befreie ich mich von diesem „Bloß-nicht-zu-viel-sagen“. Ich bin immer noch vorsichtig, aber es ist schon viel besser als früher. Man hat damals wirklich nur im engen Kreis über bestimmte Dinge gesprochen. Andererseits gab es auch, wenn man zum Beispiel zu Geburtstagsfeiern zusammensaß, immer gewisse Bemerkungen, aber immer nur sehr vorsichtig, so angedeutet lustig. Nur nicht zu viel sagen! Das war immer so ein „Lustig verpacken.“

Dann ist es ja auch mutig, dass du das Büchlein geschrieben hast. Kann man sagen, dass du in gewisser Hinsicht durch das Schreiben die Schweigepflicht gebrochen hast?

Franziska: Ja, das stimmt schon. Obwohl ich, wie gesagt, darauf geachtet habe, dass es eher lustig wird…

… das klingt wie damals, mit dem „Lustig-verpacken“.

Franziska: Ich habe das schon gemerkt in der Schule und auch beim Studium. Bei Diskussionen in bestimmten Bereichen oder überhaupt bei Diskussionen oder Meinungsäußerungen habe ich mich immer sehr zurückgehalten.

Welche Rolle kann das Büchlein für euch spielen oder spielt es?

Franziska: Das Büchlein ist der Anfang für mich, um daran weiter zu arbeiten. Es gibt einfach so viel, das ich noch zu sagen habe und das ich aufschreiben möchte.

Der Name der Autorin wurde auf Wunsch geändert. Das Interview wurde von Isabel Morgenstern geführt.