Lebensbuch für meine Kinder

Für meine lieben Kinder

Liebe Kinder!

Wie ihr wisst, heiße ich Anastasia. Geboren bin ich am 12. März 1951 in Villa San Antonio, das liegt in der Provinz Comayagua in Honduras. Bis 1922 war das die Hauptstadt von Honduras. Heute ist die Hauptstadt Tegùcigalpa. Dieser Name stammt von den Ureinwohnern von Honduras und bedeutet „Berg aus Silber“.

In Comayagua wohnten früher viele Einwanderer aus Spanien und anderen europäischen Ländern. Dort ist das Wetter viel wärmer als hier, die Sonne geht morgens um sechs Uhr auf und abends um 19 Uhr unter. Die Landschaft ist immer grün, es gibt viele Früchte und Blumen, die hier nicht in freier Natur wachsen. Zum Beispiel wachsen dort wilde Dahlien und Orchideen. Die Orchidee ist die Nationalblume von Honduras, und der rote Ara das Nationaltier unseres Landes.

Damals, als ich aufgewachsen bin, gab es nicht so viele Autos wie heute, aber mein Onkel Amado hatte einen sehr schönen Chevrolet. Mein Vater hatte einen großen Jeep und Pferde für die Arbeit. Auch meine Mama hatte ihr Pferd, das Julian hieß.

Ich wohnte früher mit meinem Bruder Flavio bei meiner Oma Cora. Sie war eigentlich meine Großtante und die Schwester meiner Großmutter Mercedes. Mercedes war immer beschäftigt, denn zusammen mit meinem Großvater gehörte ihr ein großes Geschäft, das sie führte. Man konnte dort Textilien und landwirtschaftliche Geräte und Werkzeuge kaufen. Bei meiner Oma Cora war es sehr lustig. Sie hat uns immer so schöne Geschichten erzählt.

Mit fünf Jahren wurde ich eingeschult. In der Klasse waren etwa zwanzig Kinder. Meine beiden Kusinen Jimena und Leonora waren auch da. Wir hatten immer viel Spaß zusammen. Wenn ich in Honduras bin, besuche ich sie und wir tauschen unsere Erinnerungen aus.

In der Schule war man damals sehr streng. Wir mussten jeden Tag um fünf Uhr aufstehen, denn bis wir alle gewaschen waren und gefrühstückt hatten, dauerte es eine Weile. Wenn man zu spät kam, bestraften uns die Nonnen. Die Schule war eine Mädchenschule, und es wurde auch Basteln, Kochen, Sport und Religion unterrichtet. Meine Lieblingsfächer waren Kunst und Biologie. Ich malte sehr gerne, was ich auch heute noch mache. Mathe und Chemie fielen mir sehr schwer. Überhaupt konnte ich als Kind gut tanzen, und ich hörte gerne Musik. Ich hörte Musik mit lateinamerikanischen Rhythmen wie Salsa, Cha-Cha-Cha und Merengue.

… Unser Haus war sehr groß und es lag auf dem weitläufigen Grundstück meines Vaters. Wir hatten viel Platz zum Spielen. Meine fünf Geschwister und ich haben immer in einer der vielen Hängematten geschaukelt.

Auf dem Grundstück gab es viele Tiere: Pferde, Kühe, Schweine, Hühner und es wuchsen viele Apfelsinen- und Limettenbäume. Daraus machten wir unseren eigenen Orangensaft.

Meine Oma Cora liebte besonders die Kräuter, die sie auch selbst anbaute. Zum Beispiel Pfefferminze, Zitronengras, Ingwer und viele andere mehr. Daraus machte sie Heilmittel für uns und für die Menschen in Villa San Antonio. Sie war sehr beliebt, weil sie vielen Menschen geholfen hat.

Als Kind spielte ich oft mit meinen Geschwistern, meinen Vettern und Kusinen. Wir hatten viel Spaß im Geschäft von unserem Onkel Camilo. Es war ein kleiner Tante-Emma-Laden mit vielen Gläsern voller Bonbons. Die Gläser hatten vorne eine Öffnung, durch die man direkt in die Bonbons greifen konnte. Es waren selbst gemachte Karamellbonbons. Manchmal machten wir uns einen Spaß und stibitzten sie meinem Onkel. Aber er war immer gutmütig und wusste genau, was wir machten.

Ich hatte viele Puppen, manche davon waren sehr schön. Aber die schönsten Puppen interessierten mich nicht! Meine Lieblingspuppe war eine Stoffpuppe, die meine Oma selbst genäht hat. Sie hieß Pota. Ich hatte sie immer bei mir, und manchmal war sie sehr schmutzig. Meine Oma Cora hat sie immer wieder gewaschen.

Meine beste Freundin war Fina. Eigentlich hieß sie Serafina und war die Tochter unseres Verwalters Octavio. Sie war so alt wie ich, und wir spielten viel zusammen. Sie ist am 29. Februar geboren, und ich dachte immer: Komisch, ich werde immer älter, aber Fide nicht, weil sie nur alle vier Jahre Geburtstag hatte.

Mit acht Jahren hatte ich meine erste Kommunion. Davor hatten wir christlichen Religionsunterricht. Nach drei Monaten haben wir Mädchen unsere Beichte abgelegt und danach haben wir groß gefeiert. Meine Oma hat mir ein weißes Kleid genäht, das war aus dem Hochzeitskleid meiner Tante. Ich war sehr schön angezogen.

Als wir größer wurden, wohnte meine Tante Adelina in der Hauptstadt. Sie hatte ein modernes Textiliengeschäft und beschäftigte viele Näherinnen in ihrer Werkstatt. Als meine Oma Cora krank wurde – sie ist blind geworden – hat Tante Adelina sie zu sich in die Stadt geholt. Wir sechs Kinder kamen in verschiedene Internate. In den Ferien waren wir Geschwister immer alle zusammen, das war sehr schön. Wir besuchten Oma Cora jedes Jahr. Sie hatte trotz der Krankheit immer noch viel Humor.

Kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag habe ich meinen ersten Freund kennengelernt. Er war gerade erst in Honduras angekommen, seine Eltern kamen aus Havanna, Cuba, von wo sie fliehen mussten. Sie hatten viele Geschäfte, ein Juweliergeschäft, ein Schuh- und Taschengeschäfte sowie eine Buchhandlung. Ich bin immer in ihrer Buchhandlung gewesen und hatte die Nase in einem Buch.

Eines Tages hat mich der Sohn der Besitzer bedient. Im Sonntagsgottesdienst haben wir uns heimlich kleine Zettel zugesteckt, und eines Tages haben wir uns verabredet. Dabei sind wir uns näher gekommen. Das Resultat war unser Sohn Alejandro, mit dem ich schwanger wurde. Das war insofern nicht schlecht, da ich aus dem katholischen Internat, auf das meine Eltern mich geschickt haben, unbedingt weg wollte. Die Nonnen waren sehr streng, und das Leben dort war sehr eingeschränkt. Ich war sehr unfrei, und mit fast achtzehn Jahren hatte ich andere Vorstellungen von meinem Leben. Ich kam weg vom Internat in ein Haus für alleinstehende Frauen, weil niemand wissen sollte, dass ich schwanger war.

Am 23. April 1969 kam Alejandro auf die Welt und er war sehr gesund. Ich habe mich sehr gefreut über ihn. Ich war mit meiner Freundin Eis essen gegangen und als wir aufstehen wollten, war mein Sitzkissen nass, obwohl es für die Geburt noch zu früh war. Alejandro wollte offensichtlich in einer Eisdiele auf die Welt kommen. Wir gingen sofort ins Krankenhaus, aber bis heute isst Alejandro besonders gerne Eis.

Mein Vater besaß auch ein großes Kino. In der Woche gab es zwei Vorstellungen. Dort habe ich viele Filme gesehen, z.B. die lustigen Filme von Cantinflas, dem berühmten mexikanischen Schauspieler Mario Moreno. Die Filme waren sehr große Zelluloidrollen, die in riesige Projektoren eingelegt wurden und meistens schwarz-weiß. In dem Haus fanden auch sonst viele Veranstaltungen statt, manchmal sonntags mit Livemusik, zum Beispiel wurde dort Marimba gespielt. Das ist ein großes Holzinstrument, das einem Xylophon ähnelt. Es stammt aus Afrika und ist in Mittelamerika weit verbreitet.

Ich war ein fröhliches Kind und ich habe sehr viel gelacht. Ich habe gerne gemalt und gebastelt und mit Oma Cora habe ich Blumen aus Papier und Stoff genäht. Bis heute nähe ich sehr gerne, auch meine eigenen Kleider. Auch für meine Kinder habe ich viel genäht.

Ich erinnere mich gerne an unsere Feste, vor allem an den Geburtstag meiner Tante Adelina, den wir ganz groß gefeiert haben. Sie hatte viele Gäste und Live-Musik, und wir haben viel gekocht und viel gegessen. Andere Feste die wir feiern, sind unter anderem das Fest des Heiligen Antonios am 13. Juni. An Weihnachten gab es Braten und viele Geschenke. Wir haben früher eine Krippe gebaut, die sehr groß war und wir haben für diese Krippe schon Monate vorher gebastelt. Weihnachten war sehr schön, weil meine Geschwister wieder aus dem Internat gekommen sind.

Liebe Kinder, ich habe noch viel mehr zu erzählen, aber das muss ich wohl erst mal mündlich machen. Erinnert mich daran, dass ich Euch eine der schönen Geschichten von Oma Cora erzähle!

Die Autorin bleibt auf Wunsch anonym. Alle Namen wurden geändert.