Lebensbuch für meinen Sohn Anday

Für meinen Sohn

Lieber Anday-Anıl,

wie du weißt, heiße ich Müzeyyen. Das ist Arabisch und bedeutet „die Geschmückte“. Meine Eltern haben den Na­men gewählt, weil dein Opa eine Cousine mit diesem Namen hatte. Übrigens sollte ich ein Junge werden und Muzaffer heißen. Heute nennen mich viele „Müzi“.

Geboren bin ich 1971 im Sankt-Joseph-Krankenhaus in Berlin-Tempelhof, nicht weit entfernt von unserem jetzigen Wohnort. An das Haus und an die Wohnung, in der wir nach meinem ersten Geburtstag wohnten, erinnere ich mich sehr gut und auch sehr gerne. Ich habe heute auch noch das Glück, das Gebäude so oft wie möglich betrachten zu können. Es steht nämlich in Kreuzberg in der Alten Jakobstraße. Dort habe ich meine Kindheit verbracht. An die Wohnung am Heinrichplatz kann ich mich leider nicht mehr so gut erinnern, da unsere Familie dort nur in der Zeit kurz nach meiner Geburt gewohnt hatte.

Wie du weißt, bin ich die Drittälteste von sechs Geschwistern und habe zwei Schwestern und drei Brüder. (…) Eigentlich könnte ich jetzt seitenlang Erinnerungen aus meiner Kindheit mit meinen Geschwistern erzählen oder schreiben. Ich werde aber versuchen, das Wesentliche niederzuschreiben: Deine älteste Tante lebt seit 1984 in der Türkei. Trotzdem haben wir eine gute und innige Verbindung zu ihr. Du bist ja selber auch fast jedes Jahr bei ihr in Izmir. Deinen jüngsten Onkel habe ich als Kind beschützt und behütet. Heute noch fühle ich mich oft für ihn als Ersatzmutter. Deine Tante _ ist, wie du auch, schlafgewandelt.

Mit deinem Onkel _ haben wir zusammen den Führerschein erworben. Er war ja fest davon überzeugt, dass er eher als ich den Führerschein in der Tasche haben würde, da er der Auffassung war, dass Männer die besseren Autofahrer sind. Allerdings musste ich ihn enttäuschen, als ich es als Erste schaffte. Zu deinem Onkel _ kann ich nur sagen, dass er uns als kleinere Geschwister immer sehr fair behandelt hat und wir hatten ihn alle sehr lieb.

Meine Mutter ist 1948 in Diyarbakır geboren, das liegt im Südosten der Türkei. Was ich dir über sie erzählen möchte: Meine Mutter ist eine starke und gefühlvolle Persönlichkeit, die eine unglaubliche Ähnlichkeit mit dir hat, besonders im Gesicht. Ich nehme stark an, dass die Ähnlichkeit deswegen vorhanden ist, weil sie sich für mich noch ein Kind gewünscht hat und weil ich sie sehr lieb habe.

Mein Vater ist 1943 ebenfalls in Diyarbakır geboren. Dein Opa ist ein netter, doch strenger Mensch, der aber viel für Kinder übrig hat und mit ihnen auch gerne etwas unternimmt. Ich denke, dass du das nachvollziehen kannst, denn du hattest ja sehr viel Spaß mit ihm gehabt, als er uns im Dezember und Januar 2012/ 2013 besucht hatte.

In meiner Kindheit gab es noch andere wichtige Menschen: Meine Grundschullehrerin Frau Stefke war für mich in meiner Kindheit, ist aber auch heute noch eine wichtige Person, die mich in meiner Laufbahn sehr motiviert hat. Frau Stefke war eine unheimlich tapfere und liebevolle Lehrerin, die mich auch nach der Grundschulzeit begleitet hat. Von meiner Lehrerin habe ich deinem Bruder und dir oft erzählt. Kannst du dich noch an den Vers erinnern, den sie mir ins Poesiealbum geschrieben hat?

It is better to have a small light in the darkness than nothing.

Als Kind spielte ich oft auf der Straße vor der Haustür, die direkt an der Berliner Mauer lag. Dort spielten wir Fang- und Versteckspiele, Gummi-Twist, Seilspringen usw. Da wir nicht so viele Spielsachen hatten wie ihr heute, war z.B. die eine Puppe, die ich hatte, sehr wertvoll für mich. Ich habe für sie Kleider genäht, gehäkelt und auch gestrickt.

Besonderen Spaß machte es mir, deiner Tante beim Schlafwandeln hinterher zu laufen. Denn am nächsten Tag glaubte sie mir nicht, was sie unbewusst alles geschafft hatte. Meine Mutter war dann Zeuge.

1978 kam ich in die Schule. In unserer Klasse waren ca. 25 Kinder. Meine Grundschule war in Kreuzberg in der Kohlfurter Straße. An die Grundschulzeit erinnere ich mich heute noch sehr gerne, da ich mich sehr heimisch gefühlt habe. Der Grund war meine Mutter, die im Hortbereich in der Schulküche tätig war und für die Hortschulkinder kochte.

Meine Lieblingsfächer waren Deutsch, Sport, Englisch. Am meisten lag mir Englisch, weil ich gerne Sprachen lerne. Überhaupt konnte ich als Kind gut von einer Sprache in die andere wechseln.

Meine beste Freundin ab der 4. Klasse war Petra und wir besuchten oft nach der Schule den Tante-Emma-Laden, der ihrer Mutter gehörte. Leider habe ich den Kontakt zu ihr nicht mehr.

Was ich dir sonst noch aus meiner Schulzeit erzählen möchte: Es machte mir viel Freude, bestimmte Ämter und Verantwortung in der Schule zu übernehmen. So war ich Klassen- und Schulsprecherin und Schülerlotse. Wenn ich so zurückdenke, habe ich sogar den Lehrern als Sprachmittlerin bei bestimmten Elterngesprächen mit türkischen Familien weitergeholfen.

Früher mussten wir einmal in der Woche nachmittags zur Schule gehen. Das heißt, wir gingen an diesem Tag nach der vierten Stunde nach Hause und mussten dann wieder von 14.00 – 16.00 Uhr in der Schule sein. Auch im Schulchor habe ich sehr gerne mitgewirkt. Da habe ich Flöte spielen gelernt und bei verschiedenen Theateraufführungen mitgespielt.

Manchmal spielten wir auch Streiche. An einen kann ich mich noch gut erinnern: Als unser Klassenlehrer Herr Q. während des Unterrichts einschlief – was er auf Grund seiner gesundheitlichen Problemen öfters tat – haben wir als gesamte Klasse den Klassenraum verlassen. Wir wollten aber nicht, dass Herr Q., obwohl er oft ziemlich streng war, Ärger mit der Schulleitung bekommt. Deshalb sind wir dann wieder in den Klassenraum zurückgekehrt.

In unserer Familie feierten wir auch Feste, wie Opferfest, Zuckerfest aber auch Nikolaus, Weihnachten und Ostern war uns vertraut. Zwar wurden die christlichen Feste nicht ausgiebig gefeiert, aber es wurde kurz zu Hause angesprochen und mit kleinen Geschenken bestückt.

Anday, ist dir aufgefallen, dass ich bisher noch nichts zu deinem Bruder geschrieben habe? (…) Die Geschichte, dass dein Bruder unbedingt ein Geschwisterchen wollte, habe ich dir schon oft erzählt. Das Ergebnis warst du. Was für ein Glück für uns!

Müzeyyen Yiğitler