Lebensbuch für meinen Sohn Max

Für meinen Sohn

Lieber Maximilian!

Manchmal erzählen Papa und ich dir Geschichten aus unserer Kindheit, lustige, spannende und ganz selten auch traurige. Meine Eltern haben das früher auch gemacht. Wir saßen gemeinsam am Küchentisch und sie erzählten bis spät in die Nacht. Damals kam es mir vor, als ob ich, vergli­chen mit diesen Geschichten, die langweiligste Kindheit der Welt erlebte. Heute, wenn ich zu­rückdenke, sehe ich das etwas anders. An einige der Geschichten meiner Eltern kann ich mich noch erinnern, aber vieles habe ich leider schon vergessenen. Damit es dir nicht auch genauso geht, schenke ich dir dieses Büchlein.

Unsere Familie
Wie du weißt, heiße ich Franziska*, das bedeutet so viel wie „die Freie“. Mein Bruder hat diesen Namen für mich ausgesucht. Damals wohnte in unserer Nachbar­schaft ein kleines niedliches Mädchen mit blauen Augen und langen blonden Zöpfen. Er hatte sich schon lange eine Schwester gewünscht, die ge­nauso aussehen sollte. Irgendwann kam ich dann zur Welt. In meiner Familie bin ich die einzige mit diesem Namen, niemand sonst trägt ihn. Überhaupt gibt es bei uns keinen Namen zwei Mal, aber unsere Familie ist auch nicht beson­ders groß.

Als Kind wurde ich oft Franzi gerufen. Meistens wollte man mich damit ärgern. Und was soll ich sagen – ich habe mich tatsäch­lich darüber geärgert. Manchmal wurde ich da­bei richtig wütend. Und wenn ich so wütend war, dass ich es kaum noch aushalten konnte, kamen dann noch weitere Verniedlichungen dazu…

Deine Oma heißt Anne Verena. Seit ich denken kann, hat sie sich darüber beschwert Verena und nicht Anne genannt zu werden, weil sie Anne viel schöner findet.

Dein Opa hieß Rudolf Jakob. Er hatte zwei Ge­schwister: Onkel Johann und Tante Erika. Beide waren älter als er. Onkel Johann und dein Opa haben sich gut verstanden und sorgten auf Fa­milienfeiern immer für gute Stimmung.

Mein Bruder, also dein Onkel, heißt Stefan. Ich weiß nicht, warum Oma und Opa diesen Namen ausgesucht haben. Vielleicht weil es damals bei uns ein sehr seltener Name war.

Stefan ist sechs Jahre älter als ich. Er war früher ein sehr guter Schüler. Als er in der fünften Klasse war, gab ihm der Mathematikleh­rer in Klassenarbeiten Aufgaben der siebten Klasse. In den Schulferien, wenn wir alleine zu Hause waren, haben wir uns oft gestritten. Meistens ging es darum, wer welche Hausarbeiten über­nehmen sollte. Weil er größer und stärker war, hat er meistens gewonnen und konnte sich aussuchen, was er machen wollte.

Du heißt Maximilian. Wir haben dir schon oft er­zählt, warum wir dich so genannt haben. Aber ich schreibe es gern noch einmal auf. Maximilian heißt du nach … einem unserer Lieblings­schriftsteller. Aber auch ohne den berühmten Schriftsteller hätten wir dich so genannt, weil wir den Namen sehr mögen. Maximilian ist Lateinisch und bedeutet „der Größte“.

Meine Kindheit auf dem Dorf
Geboren bin ich am 7. Juni 1976 in Erfurt. Du kennst Erfurt gut, wir haben schon oft deine Großeltern dort besucht. Aufgewach­sen bin ich in einem kleinen Dorf in Thüringen. Damals lebten dort nicht mehr als 1000 Menschen. Jeder kannte jeden, jeder grüßte jeden und jeder redete über jeden, der nicht grüßte oder neu im Dorf war.

Meine Familie hat das erste Stockwerk eines al­ten Bauernhauses bewohnt. Im Winter war es in unserer Wohnung immer kalt, weil die alten Ka­chelöfen nicht mehr richtig geheizt haben. Wenn es sehr kalt war, hat mein Vater abends einen Ziegelstein in die Glut eines Ofens gelegt bis er richtig heiß war, dann hat er ihn mit einer Zange wieder herausgenommen und in Zeitungs­papier eingewickelt und kurz vor dem Schlafen­gehen unter die Bettdecke gelegt. Trotz der Kälte im Zimmer habe ich mich unter der war­men Bettdecke immer geborgen gefühlt.

Unser Hof war wie ein großer Abenteuerspiel­platz. Es gab viele alte Schuppen, ein Waschhaus und einen Heuboden. Oft kamen viele Kinder, um bei uns zu spielen. Obwohl es verboten war, spielten wir besonders gern auf dem Heuboden.

Wie du auf der Karte siehst, haben wir ganz nah an einem Fluss gewohnt. Darunter ist ein Luftbild von unserem Dorf. Dort wo der rote Punkt ist habe ich gewohnt. In manchen Jahren gab es Überschwemmungen, sodass unser Garten und auch der Keller unter Wasser standen. Für uns Kinder war das immer ganz toll und spannend, weil wir, wie alle Kinder, gern am und mit Wasser gespielt haben. Meine Eltern waren davon nicht so begeistert. Zum ei­nen musste nach dem Rückzug des Hochwassers der ganze Keller aufgeräumt werden, weil alle Einmachgläser aus den Regalen geschwemmt worden waren. Zum anderen hieß Hochwasser für meinen Vater als Berufsfeuerwehrmann und Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in unserem Dorf, dass er im Dauereinsatz war, weil er die Keller wichtiger Leute leer pumpen musste.

In den Sommerferien habe ich mit meinen Freundinnen auf unserem Hof ein Zelt aus Armeeplanen aufgebaut, in dem wir dann einige Nächte geschlafen haben. Während dieser Zeit wollten wir nur im Freien leben, uns selbst ver­sorgen und keine Eltern sehen. Wir haben Brot, Käse, Schinken und viele andere Sachen mitge­brachten, eine kleine Vorratsgrube im Zelt ge­graben und die Sachen dort hineingelegt. Tags­über waren wir meistens unterwegs, baden, spielen im Wald oder im Garten der Oma von meiner besten Freundin.

Als wir eines Nachmit­tags vom Baden kamen, hat das Hinterteil von unserem Hund Dina aus dem Zelt geguckt. Uns war klar, was er dort suchte. So schnell wir konnten, rannten wir mit Geschrei zum Zelt. Er­schrocken, aber mit einem Schinken im Maul sah er uns an und rannte davon. So sehr wie ich heute Schinken liebe, mochte ich ihn auch da­mals, also hetzte ich Dina hinterher und befahl ihr, stehen zu bleiben. Dina war wohl erzogen, deshalb blieb sie, trotz des drohenden Verlustes des eroberten Schinkens, irgendwann stehen und sah mich schuldbewusst an. Ich hatte keine Angst und liebte, wie gesagt Schinken, deshalb fasste ich in ihr Maul und holte mir den Schinken zurück. Das bisschen Hundespucke hat mir damals nichts ausgemacht. Einmal mit dem Taschentuch drüber und ich habe den Schinken trotzdem gegessen. So etwas war typisch für mich.

Wenn ich zu­rückdenke, wie ich damals war, dann sehe ich ein Mädchen mit langen blonden Wuschelhaaren, meistens mit Loch in der Hose und irgendeiner Wunde und blauen Flecken. Ich kam nur nach Hause, um mein Schulzeug abzulegen, etwas zu essen oder meinen Eltern zu zeigen, dass ich noch lebte.

Meine Freundinnen und ich hatten eine Bude in einem kleinen Wäldchen. Sie lag so versteckt, dass niemand von ihr wusste. Wenn wir dort zusammen saßen und einfach miteinan­der redeten oder wilde Pläne schmiedeten, über Streiche, die wir unbeliebten Menschen spielen wollten, fühlte ich mich wie ein verwegener Abenteurer, weit weg von zu Hause, frei und un­abhängig.Ich war aber auch gerne alleine unterwegs. Mit unserem Hund bin ich stundenlang durch die Na­tur gelaufen.

Ich hatte viele Lieblingsplätze, die ich oft besuchte. Dort konnte ich gut nachden­ken und Tiere beobachteten.

Insgesamt war ich eine sehr gute Schülerin. Naja, zumindest bis zur achten Klasse. Was dann kam, ist eine andere Geschichte. Meine Lieblingsfächer waren Sport, Deutsch, später Geschichte und Geographie. Was ich gar nicht mochte, war der Musikunterricht. Nicht, weil ich Musik nicht schön fand oder nicht gern sang. Es lag daran, dass ich nicht singen konnte. Im Musikunterricht mussten wir immer Lieder auswendig lernen und vor der ganzen Klasse vor­tragen. Meine Musiklehrerin wusste Bescheid und hat mir immer zwei Noten gegeben: eine Eins für den Text und eine Drei für das Singen. Meine Klassenkameraden haben sich jedes Mal auf den Spaß gefreut, der ihnen bevorstand, wenn sie meinen Namen hörten, denn sie fanden es jedes Mal lustig, mich singen zu hören.

Einmal kam ein Vertretungslehrer in unsere Klasse, der uns noch nicht kannte. Weil er nicht wusste, was er mit uns machen sollte, hat er uns singen lassen. Die erste war Janine Schmidtchen. Sie war eine noch viel schlechtere Sänge­rin als ich. Auch bei ihr wurde gelacht. Nach den ersten Zeilen hat er sie ungläubig angesehen und rief meinen Namen mit der Bitte, ich solle sie unterstützen. Das vorher doch recht unter­drückte Gelächter wurde langsam lauter. Damals hat mir so etwas noch nichts ausgemacht. Also stand ich auf, der Lehrer gab den Takt vor und wir sangen völlig falsch aber mit sehr viel Lei­denschaft und aus voller Brust. Jetzt konnte sich keiner mehr zurückhalten. Tosend brach die Klasse in Gelächter aus. Das war zu viel für den Lehrer. Weil er nicht glauben konnte, dass wir wirklich nicht singen konnten, hat er uns ange­brüllt und Strafen angedroht für den Fall, dass wir uns nicht besserten. Wir mussten also noch mal singen.

Wie du dir sicher denken kannst, war unser nächster Versuch kein Stück besser. Meine Klassenkameraden lagen auf den Tischen und schüttelten sich vor Lachen und der Lehrer verlor völlig die Beherrschung, schmiss uns aus dem Klassenzimmer und kündigte schlimme Fol­gen für uns an. Letztendlich ist aber alles gut ausgegangen.

Was ich wirklich geliebt habe, war Sport. Nicht nur den Sportunterricht in der Schule, auch in meiner Freizeit und in einer Arbeitsgemein­schaft habe ich viel und gerne Sport gemacht. Ich war eine ziemlich gute Sportlerin. Bei den Sportfesten in der Schule habe ich jahrelang den ersten Platz belegt. Wer gut genug war, konnte bei den Kreismeisterschaften teilneh­men. Auch dort war ich mehrere Male sehr er­folgreich.

Heute gibt es die Bundesjugendspiele. Wer dort eine bestimmte Punktzahl erreicht, erhält eine Urkunde mit der Unterschrift des Bundespräsidenten. Damals gab es eine, die der Vorsitzende des Staatsrates, Erich Honecker, unterschrieben hatte. Die Urkunden wurden je­des Jahr am Schuljahresende auf dem Abschlussappell verliehen.

Ein Appell war eine Arte Versammlung, auf der sich alle Klassen auf dem Schulhof trafen. Ein Appell fand immer zu be­stimmten Anlässen statt: am Schuljahresan­fang- und ende, in der Mitte des Jahres und zu Geburtstagen berühmter Menschen. Meistens hielt der Direktor eine kleine Rede, klärte orga­nisatorische Dinge und verlieh Urkunden oder andere Auszeichnungen. Es war für jeden Schü­ler eine große Ehre, eine Urkunde und eine an­dere Auszeichnung vor der gesamten Schule zu erhalten.

Ich war so gut, dass meine Lehrer vorschlugen, mich auf eine Sportschule zu schicken. Es gab viele Gespräche mit meinen Eltern und mit mir. Es gab nichts, was ich mir mehr wünschte. Lei­der konnte niemand meine Eltern überzeugen. Sie hatten wohl zu viel Angst um mich, denn da­mals gab es schon Gerüchte über Dopingmittel, die krank machten. Ich kann ihre Entscheidung heute noch nicht verstehen und denke manchmal darüber nach, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diesen Weg hätte gehen können.

Über meine Schule könnte ich noch sehr viel er­zählen. Zum Beispiel gab es damals vor jeder Unterrichtsstunde eine Meldung. Wenn man Meldedienst hatte, musste man sich vor die Klasse stellen und sagen: „Pioniere seid bereit. Pioniere seid bereit“. Die Klasse hat geantwor­tet: “Immer bereit“. Dann musste man zur Leh­rerin sagen: „Frau Winter, die Klasse 4a ist zum Mathematikunterricht angetreten“. Dann musste man alle Schüler aufzählen, die fehlten. Stell dir das mal heutzutage vor!

In unserem Dorf gab es keine Schule. Wir wurden jeden Tag mit dem Schulbus abgeholt. Im Win­ter, wenn es geschneit hatte oder Straßen glatt waren, standen alle Kinder an der Bushaltestelle und hofften, dass der Bus nicht kommen würde. Es gab die Regel, dass man im Winter, wenn es sehr kalt war, nicht länger als dreißig Minuten warten musste. Da auch Lehrer in unseren Bus stiegen, wurde sehr genau darauf geachtet, dass niemand früher ging. Du kannst dir sicher vor­stellen, wie wir zitternd vor Kälte und Spannung warteten. Mit jeder Minute die verging, wuchs unsere Hoffnung. Nach genau dreißig Minuten – da­rauf achteten wir Schüler genau – gab es kein Halten mehr. Alle stürmten wild nach Hause, es bestand immer noch die Gefahr, dass der Bus doch noch um die Ecke kam.

Ich habe nicht nur schöne Zeiten erlebt und es gibt nicht nur lustige Geschichten zu erzählen. Eine schwierige Zeit, die für unsere ganze Fami­lie sehr belastend war, begann, als ich ungefähr elf Jahre alt war…

Lieber Maximilian,

ich hoffe du hattest Freude beim Lesen des Büchleins. Ich könnte noch viele Geschichten aus meiner Kindheit erzählen: von Abenteuern mit meinen Freunden, von Familienfesten, Klassenfahrten und von Sommerurlauben im Wald. Vielleicht schreibe ich sie dir irgendwann einmal auf.

Deine Mama

* Die Autorin bleibt auf Wunsch anonym. Alle Namen wurden geändert. Dies führt an einigen Stellen dazu, dass Namen und Erklärungen der Autorin nicht zueinander passen. Wo es möglich war, die Verweise anzupassen, ohne den Text zu sehr zu verändern, haben wir dies gemacht. An anderen Stellen haben wir die Erklärungen gekürzt.