Lebensbuch-Interview mit Frida

Lebensbuchautorin Frida:

„Ich wollte meinem Sohn einen Teil seiner Geschichte geben“

Du hast im letzten Jahr an dem Projekt „Geschichten, die Mut machen“ teilgenommen. Was hat dich dazu motiviert?

Frida: Ich hatte bereits vorher begonnen, Biografiearbeit für unsere Kinder zu machen, weil wir eine Pflegefamilie sind. Für mich war es wichtig, an dem Projekt teilzunehmen um einen Rahmen zu haben, in dem ich weiterschreiben kann, Tipps bekomme und die Möglichkeit habe, mich in einer Gruppe mit anderen gleichgeschlechtlichen Eltern zu treffen.

Für uns als Pflegeeltern ist es wichtig, daran zu denken, dass es Teile im Leben unserer Kinder gibt, an denen wir nicht teilgenommen haben. Unsere Kinder sollen wissen, woher sie kommen, und dass sie Herkunftseltern haben. Wir sind ihre zweite Familie und wir wollen sie unterstützen, das nachzuvollziehen.

Gleichzeitig versuchen wir, unseren Kindern möglichst viel davon zu vermitteln, wie die die ersten Erfahrungen bei uns waren, wie es war, als sie angekommen sind, damit sie mehr von sich erfahren können, wenn sie älter sind. Pflegefamilien wird empfohlen Biografiearbeit zu machen, denn die Kinder haben Abbrüche erlebt, die sie dadurch besser nachvollziehen können.

Vieles können wir nur durch Behörden erfahren, doch dort können Sozialarbeiter_innen auch wechseln, z.B. bei einem Umzug. Daher möchten wir möglichst viel festhalten. Wir können auch die Großeltern nicht fragen, weil wir keinen Zugang zu ihnen haben. Menschen, die bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen, können fragen und man kann sich im Familienkreis unterhalten. Aber bei uns gibt es eine Lücke, sozusagen eine Biografielücke. Daher pflegen wir die Erinnerungen.

Magst du etwas über dich und deine Familie erzählen?

Frida: Wir sind zwei Frauen, und wir haben uns gewünscht, mit Kindern zu leben. Ich bezeichne mich nicht als lesbisch, ich bin bezüglich meiner sexuellen Orientierung offen für alle Menschen. Wir sind zwei Menschen, die sich als Frauen definieren, die in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung leben und die zwei Kinder großziehen. Wir glauben an die soziale Familie, und ich bin der festen Überzeugung, dass es mehr als nur die leibliche Familie gibt.

Ich komme aus einem Land, wo diese leibliche Familie sehr hoch geschätzt wird, doch die Realität sieht anders aus. Viele Kinder werden von alleinerziehenden Müttern, von Omas und Tanten großgezogen und die Figur des leiblichen Vaters oder auch der leiblichen Mutter fehlt oft. Das klassische Familienmodell ist ein Mythos, der nicht der Realität entspricht. Natürlich existieren idealisierte Rollenbilder. Es gibt ein Bild von Mama, Papa und Kindern, und das zu erfüllen wird als Ziel im Leben gesehen. Inzwischen ändert sich die Gesellschaft in vielen Ländern Lateinamerikas und es gibt auch andere Familienmodelle.

Es gibt Menschen im Alter von dreißig, vierzig Jahren, die sich dafür entschieden haben, keine Kinder zu haben. Früher war das ein Versagen, weil man das Wichtigste im Leben nicht gemacht hat, wenn man keine leiblichen Kinder bekommen hat. Das ändert sich aus meiner Wahrnehmung in den letzten fünf Jahren, und mehr Akademiker_innen sehen es nicht mehr als einzige Erfüllung ihres Lebens, eine Familie zu gründen. Das gilt jedoch nur für die Hauptstadt meines Landes, wo die Gesellschaft offener ist für andere Familienmodelle. Trotzdem gibt es viele Vorurteile gegenüber gleichgeschlechtlichen Eltern, aber das ist hier auch so.

Du hast im Laufe des Projekts gesagt, dass es drei Fronten gibt, an denen du dich auseinandersetzen und kämpfen musst.

Frida: Ja, das ist einmal, weil wir eine Pflegefamilie sind. Neulich war ich bei einem Arzt hier in Berlin und ich habe ihm gesagt, dass wir eine Pflegefamilie sind. Er hat mich trotzdem drei Mal gefragt, ob ich stille. Ich habe gedacht, er hat mich nicht verstanden. Wie soll ich ein Pflegekind stillen, wenn ich nicht die leibliche Mutter bin?

Dann sind wir eine Familie, in der die Eltern gleichgeschlechtlich sind, und wir sind eine Familie mit Schwarzen Kindern. Wir passen nicht in die heterosexuelle Norm, nicht in das leibliche Familienmodell und wir leben mit Schwarzen Kindern in einer weißen Mehrheitsgesellschaft. Immer wieder und meist unerwartet sind wir mit subtilen Kommentaren und Rassismus konfrontiert. Man sagt, es gibt keinen Rassismus, und viele Leute gehen auf die Barrikaden, wenn ich das Wort Rassismus benutze. Ich verwende daher den Begriff Vielfalt und versuche, die Leute damit zu gewinnen. Dann sagen sie uns in der Kita: „Alle Kinder sind gleich“, bzw. „Wir behandeln alle Kinder gleich.“ Das stimmt nicht.

Denn nicht alle Kinder haben die gleichen Grundvoraussetzungen im Leben, wie zum Beispiel Pflegekinder. Sie haben oft keine sichere Bindung, und das ist das A und O für die Entwicklung eines Kindes.

Wenn wir als gleichgeschlechtliche Eltern unterwegs sind, merke ich, dass die Leute uns oft irritiert anblicken, und wenn wir verreisen, müssen wir uns vorher überlegen, wie wir das machen und wo wir hinfahren. Wir können mit unserem Familienmodell nicht überall hinziehen, auch nicht in Berlin. Wir müssen darauf achten, dass zum Beispiel auf dem Spielplatz mehr Schwarze Kinder spielen und dass auch gleichgeschlechtliche Eltern dort sichtbar sind. Es ist wichtig für unsere Kinder und auch für uns Eltern zu sehen, dass unsere Familienkonstellation sich in anderen Familien widerspiegelt.

Rassistische Diskriminierung erleben unsere Kinder oft auf eine subtile Art im alltäglichen Leben. So fragen uns viele Menschen – auch in unserem Bekanntenkreis – woher unsere Kinder kommen. Sie schauen uns irritiert an, wenn wir sagen, „Sie kommen aus Berlin“. Sie gehen einfach davon aus, dass unsere Kinder von woanders herkommen, weil sie Schwarz sind. Das ist nur ein Beispiel. Unter unseren Bekannten haben sich viele mit Vielfalt auseinander gesetzt und trotzdem kommen von ihnen subtile rassistische Fragen. Ich will dagegen kämpfen, und das tue ich.

Doch inzwischen habe ich gelernt, dass ich mich nicht gegen jeden rassistischen Kommentar wehren muss, denn dies geschieht sehr oft in unerwarteten Situationen. Früher habe ich mir deshalb Vorwürfe gemacht, weil ich nicht schnell genug und schlagfertig war. Heute gehe ich anders damit um. Wichtig ist, dass ich mich dafür entscheide, wann und wie ich etwas sage. Sehr wichtig ist es, dass ich Möglichkeiten finde, meine Kinder zu stärken. Das tun wir, indem wir zu Hause das Konstrukt Hautfarbe dekonstruieren – was nicht einfach ist in einer weißen Mehrheitsgesellschaft.

Für wen hast du dein Buch geschrieben?

Frida: Für meinen ältesten Sohn Mateo, er wird bald vier und lebt seit über zwei Jahren bei uns. Ich wollte ihm einen Teil seiner Geschichte geben, in Form von Bildern und Worten. Es gibt viele kleine Momente, die sonst verloren gehen, wie zum Beispiel, als er Fahrrad fahren gelernt hat. Das war für mich, als ob ich miterleben würde, wie er zu laufen anfing. Ich habe das leider nicht mitbekommen. Es war fast so, als ob ich das ein wenig nachholen könnte, indem ich erlebe, wie er selbstständiger wird. Ich habe Bilder gemacht, um einen Teil dieses Momentes, den ich sehr schön fand, und der mich sehr beschäftigt hat, festzuhalten. Wir lesen immer wieder darin und Mateo schaut sich das gerne an.

Du hast einmal gesagt, dass die Vorbereitung als Pflegeeltern für euch eine sehr bewusste Auseinandersetzung bedeutet hat.

Frida: Ja, wir mussten uns prüfen lassen, ob wir die Voraussetzungen als Pflegeeltern erfüllen. Wir haben uns sehr genau darauf vorbereitet, was es bedeutet ein Kind aufzunehmen. So mussten wir einen Fragebogen mit über vierzig Fragen ausfüllen. Die Auseinandersetzung im Vorfeld war vielleicht bewusster, wage ich zu sagen, als dies bei leiblichen Kindern geschieht.

Für gleichgeschlechtliche Eltern sind Kinder eine bewusste Entscheidung, für gleichgeschlechtliche Pflegeeltern bedeutet dies eine intensive Auseinandersetzung, mit mir selbst und mit uns als Paar. Das war eine sehr tiefgreifende, aber auch sehr schöne Vorbereitung.

Ist das Buch eine Art Fortsetzung dieses Prozesses in eurem Familienalltag?

Frida: Ja, ich denke schon. Ich glaube an die soziale Familie und habe mich bewusst für dieses Familienmodell entschieden. Darum geht es auch in dem Buch. Das geschieht natürlich in kindgerechter Sprache, wie z.B. in dem Kinderbuch „Du gehörst dazu“, in dem verschiedene Familienmodelle beschrieben werden.

Magst du dein Buch für deinen Sohn etwas beschreiben?

Frida: Ich habe das Buch aus bunten Pappen und Spiralbindung gemacht und darin Bilder eingeklebt von Situationen, die Mateo gefallen haben und von Dingen die er gerne mag. Es sollte wie ein Bilderbuch für Kinder seines Alters sein. Ich habe eine Collage von uns gemacht, Aufkleber und Bilder eingeklebt, die ich dann mit einfachen Worten beschreibe. Hier ist ein Bild zu seinem Geburtstag, als er zwei Jahre alt wurde, und hier der Abdruck seiner Hände.

Ich müsste vielleicht fleißiger sein mit dem Schreiben, weil die Zeit so schnell vergeht. Danach kann man sich an Vieles nicht mehr erinnern. Es geschehen aber so viele neue Sachen, spannende Erlebnisse und Herausforderungen. Wir haben jetzt Paula, Mateos jüngere Schwester in Pflege aufgenommen, und ich hatte keine Kapazitäten, um viel zu schreiben. Doch ich denke fast jeden Tag, dass ich es tun sollte, wenigstens einmal die Woche.

Du kannst auch mündlich erzählen und dich und deine Kinder aufnehmen, z.B. mit einem Handy. Daraus machst du eine Audio-CD. Das kannst du unabhängig vom Buch oder als Teil davon machen.

Frida: Das ist eine gute Idee. Ich finde es zwar besser, etwas zu schreiben, weil das bleibenden Charakter hat. Aber vielleicht fange ich gleich heute damit an.

Der Name der Autorin wurde auf Wunsch geändert. Das Interview wurde von Isabel Morgenstern geführt.