Lebensbuch-Interview mit Müzeyyen

Lebensbuchautorin Müzeyyen Yiğitler:

„Das Wichtigste ist doch, überhaupt miteinander zu kommunizieren“

Du hast unsere Projektarbeit in den letzten Jahren sehr gut kennengelernt. Zuerst als Teilnehmerin an unseren Weiterbildungen, dann als Mutter, die für ihren Sohn ein Büchlein geschrieben hat. Dein Sohn hat in seiner Schulklasse ein eigenes Lebensbuch erstellt, und du hast in den letzten Jahren viele deiner Kolleg_innen miterlebt, die ebenfalls für ihre Kinder und Enkel Bücher geschrieben haben. Was war deine Motivation, ein Büchlein für deinen Sohn zu schreiben?

Müzeyyen Yiğitler: Das waren mehrere Momente: Zuerst hattest du in der Fortbildung verschiedene Übungen mit uns gemacht. Dabei ging es gar nicht darum, was man beruflich macht, sondern ausschließlich um die eigene Biografie, Kindheit und Jugend – unabhängig davon, aus welchem Berufsfeld die Teilnehmer_innen kamen. Es ging nicht um Hierarchien oder um Macht, sondern um die Lebensgeschichte, oder kleine Teile daraus.

Bei all den Fortbildungen und Fachtagungen, an denen ich schon teilgenommen habe, habe ich das zum ersten Mal erlebt und fand das sehr positiv. Als du dann das Angebot gemacht hast, das Projekt mit den Eltern in der Klasse meines Sohnes durchzuführen, habe ich die Chance ergriffen. Durch die Fortbildung bei dir war ich im Vorfeld von der Arbeit überzeugt, und ich wollte einige meiner Erinnerungen an meine Kinder weitergeben. Wenn ich nicht mehr da bin, möchte ich, dass sie das nachlesen können. Ich hätte auch gerne von meinen Eltern etwas Schriftliches, das ich mir immer wieder anschauen kann, wenn sie mal nicht mehr da sind.

Magst du etwas von dem Projekt mit den Eltern in der Schule erzählen?

Müzeyyen: Am Anfang war es etwas schwierig, Eltern dafür zu gewinnen, obwohl ich viele kannte und fragte, ob sie nicht teilnehmen wollten. Ich glaube, oft war es Zeitmangel, aber vielleicht auch die Befürchtung, in die eigene Lebens- und Familiengeschichte eintauchen zu müssen. Einige fanden diese Vorstellung vielleicht nicht so angenehm. Eine Mutter sagte mir, als sie dann die Büchlein der anderen Eltern gesehen hat, hätte sie es sehr bedauert, doch nicht teilgenommen zu haben. Ich habe mich immer auf diese Termine gefreut und bin sehr gerne gekommen, weil ich frei auswählen konnte, wie ich dieses Büchlein gestalte und über was ich schreibe. Du hast zwar Vorschläge gemacht, aber wir haben selbst entschieden und wurden darin von dir unterstützt. In diesem Zusammenhang sind auch schöne Gespräche mit anderen Eltern zustande gekommen, das war sehr positiv.

Was wolltest du deinem Kind mitteilen?

Müzeyyen: Es geht um Menschen, die wichtig für mich waren und die mich begleitet haben, zum Beispiel eine Lehrerin. Ich möchte meinen Kindern etwas von mir erzählen, ihnen aber auch vermitteln, dass es nicht nur in, sondern auch außerhalb der Familie Menschen gibt, die dich weiterbringen können. Es gibt auch andere Menschen um dich herum, denen du vertrauen kannst und von denen du akzeptiert wirst. Das habe ich selbst erlebt und das möchte ich weitergeben. Sie müssen das natürlich selbst herausfinden und ihren eigenen Weg gehen. Ich möchte ihnen vermitteln, dass das Leben Freude und Spaß machen soll, auch wenn es Hürden gibt. Das gilt nicht nur für Kinder, sondern für alle Menschen. Ich finde es auch als Erwachsene wichtig, wenn man das Kind in sich selbst weiterleben lassen kann.

Hast du das Büchlein auch ein wenig für das Kind in dir geschrieben?

Müzeyyen: Das hat mitgeschrieben. Ich finde es schön, wenn Menschen noch lachen können, egal was sie erlebt und gesehen haben. Ich meine nicht, dass man nicht auch traurig sein kann. Das versuche ich, meinen Söhnen zu vermitteln: Wenn euch danach ist, zu weinen, dann macht das. Das ist ein Gefühl, dass man auch leben muss. Jungs müssen nicht immer stark sein.

Wie ging es dir, als du deinem Sohn das Büchlein überreicht hast?

Müzeyyen: Ich war sehr aufgeregt. Er wusste, dass ich das schreibe und war ebenfalls ziemlich aufgeregt. Wir haben uns zusammen hingesetzt und sind das Büchlein durchgegangen. Natürlich kamen dann Fragen, obwohl er schon viel von meiner Kindheit und meinen Eltern wusste. Es war wirklich ein ganz toller Moment. Mein älterer Sohn hat übrigens gefragt, warum er kein Büchlein bekommen hat, er ist inzwischen fast achtzehn. Ich denke, ich werde auch eines für ihn anfertigen.

Wie geht ihr mit dem Buch um?

Müzeyyen: Mein Sohn schaut sich das Büchlein sehr gerne an, auch zusammen mit mir. Seit dem Überreichen sind nun schon anderthalb Jahre vergangen, und es kommen inzwischen andere Fragen und Gedanken, weil er manches besser versteht. Dadurch, dass die Fragen sich ändern, merke ich, dass er reifer geworden ist. Im Alltag kommt man über die Familiengeschichte nicht so ins Gespräch, aber durch das Büchlein haben wir immer wieder Gelegenheit, darüber zu reden. Er zeigt das Buch auch gerne in der größeren Familie und liest daraus vor. Dann ist er sehr stolz, dass seine Mutter das für ihn geschrieben hat, mit seinem Bild vorne drauf. Nach anderthalb Jahren ist es nicht untergegangen und immer wieder präsent.

Wer darf das Büchlein noch lesen?

Müzeyyen: Ich habe es meiner Mutter vorgelesen. Sie kann Deutsch lesen, aber sie empfindet es anders, wenn ich ihr vorlese, was ich über sie und meine Kindheit geschrieben habe. Sie hat geweint. Dass es überhaupt so eine Möglichkeit gibt und sie so von mir erfahren kann, wie ich mich als Kind gefühlt habe. Nicht nur meine Kinder haben etwas über mich erfahren, sondern auch meine Mutter über mich. Meine beiden Eltern. Beide wollten, dass ich ihnen das vorlese.

Hast du es deinen Eltern auf Deutsch oder auf Türkisch vorgelesen?

Müzeyyen: Auf Deutsch. Sie verstehen beide Deutsch. Die Gespräche über das Büchlein verliefen dann in türkischer Sprache. Beide saßen mit Tränen in den Augen da, und während des Lesens habe ich mich gefragt, was das mit ihnen macht.

Ich hätte das Buch auch auf Türkisch schreiben können, aber es ist meinem Sohn gewidmet und nicht meinen Eltern. Wäre es für sie, hätte ich es auf Türkisch geschrieben. Mir ging es jedoch darum, dass mein Sohn versteht, was ich aufschreibe. Und ich erreiche ihn eher mit der deutschen als mit der türkischen Sprache. Mein Mann und ich sprechen immer wieder Türkisch mit den Kindern zuhause. Wir wollen aber nicht, dass das ein Kampf wird. Er kann sagen, ich bin hier geboren und ich bin Deutscher. Das ist seine Identität, und das akzeptieren wir. Das Wichtigste ist doch, überhaupt miteinander zu kommunizieren, egal in welcher Sprache.

Gerade schreibe ich im Rahmen meiner berufsbegleitenden Ausbildung zur Erzieherin an einer Fachschule für Sozialpädagogik meine Facharbeit zum Thema Spracherwerb. Ich bin der Meinung, man kann durchaus, auch wenn man das Buch auf Deutsch geschrieben hat, mit dem Kind in der Erstsprache oder Muttersprache darüber sprechen.

Ich beschreibe das Büchlein in meiner Facharbeit als Mittel, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Das kann man sich gar nicht vorstellen, wieviel man mit diesem Büchlein erreichen kann, und man kann immer wieder darauf zurückgreifen.

Nehmen wir mal an, es liegt zuhause auf dem Tisch und das Kind nimmt es immer wieder und sagt: „Mama, lies bitte nochmal vor.“ Ich lese dann auf der Zweitsprache Deutsch und unterhalte mich mit meinem Kind in der Erstsprache. Beim Vorlesen kann es sein, dass das Kind mich in der Zweitsprache verbessert, aber das führt ja auch wieder zu einer neuen Form der Kommunikation.

Natürlich fühle ich mich als Elternteil dem Kind gegenüber sicherer in der Erstsprache, aber ich denke, das ist nicht ausschlaggebend. Damit will ich nicht sagen, dass die Muttersprache oder Erstsprache keine Rolle spielt. Ich kenne viele Mütter, die statt korrektem Türkisch gebrochenes Deutsch mit ihren Kindern sprechen und es ihnen so falsch beibringen. Die Familiensprache ist das Fundament für den weiteren Spracherwerb.

Dein Sohn hat zeitgleich, während du das Büchlein für ihn geschrieben hast, in seiner Schule (5. Klasse) ein eigenes Lebensbuch erstellt. Am Ende habt ihr euch eure Bücher gegenseitig überreicht.

Müzeyyen: Es war ein tolles Gefühl: Jetzt überreicht mir mein Sohn seine Gedanken. Ich habe ihm mein Büchlein überreicht und er hat mir seins anvertraut. Ich habe sehr gerne und bewusst alles gelesen, was er geschrieben hat, seine Gedanken, die er in Worte gefasst hat. Dadurch habe ich auch mitbekommen, was ihm wichtig ist.

Durch die Themen im Lebensbuch kamen auch Fragen über seinen Vornamen, woher er kommt, über die Großeltern, den Stammbaum und die Türkei. Er fragte noch mehr, und darüber kamen wir ins Gespräch, z.B. wie mein Mann und ich uns kennen gelernt haben.

Welche Rolle kann Biografiearbeit für Menschen, ob nun mit oder ohne Migrationshintergrund, deiner Meinung nach spielen?

Müzeyyen: Sie trägt zur Selbstreflexion und Identitätsbildung bei, und das ist wichtig, egal in welchem Alter. Biografiearbeit ist ein Anlass, über die eigene Geschichte zu sprechen, und einen Reflexionsbedarf haben wir alle. Ob jemand Migrationshintergrund hat oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Aber aus der unterschiedlichen Herkunft ergeben sich unterschiedliche Schwerpunkte.

Wenn ich meinem Kind ein Buch über mich und unsere Familie schreibe, gehört es auch dazu, ihm zu erklären, woher seine Familie stammt. Wir leben in Deutschland, stammen aber von woanders her. Auch mit einer deutschen Staatsbürgerschaft kann ich mich fragen, inwieweit ich mich als Deutsche_r fühle. Daraus entwickeln sich Gespräche in der Familie, warum man sich so unterschiedlich fühlen kann.

Ich habe einen deutschen Pass und einen türkischen Namen. Ich habe also einen ausländischen Namen, auch wenn ich auf dem Papier Deutsche bin. Wenn ich mich irgendwo bewerbe und man kennt mich nicht, werden sie mich anhand meines Namens bewerten. Das ist der erste Eindruck, den sie von mir haben, auch wenn da fünfmal steht, dass ich in Berlin geboren und Deutsche bin. Allein der Name, mit dem ich mich bewerbe, ist ausschlaggebend.

Viele sagen sich, wozu soll ich die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen? Ich bin und bleibe ein Ausländer hier. Die Bezeichnung hat sich geändert, früher hieß es „Gastarbeiter“, heute heißt es „Mensch mit Migrationshintergrund“. Aber mit meinem Namen bin und bleibe ich ein Ausländer. Ich persönlich wollte die deutsche Staatsbürgerschaft, weil es für mich eine große Rolle spielt, dass ich mitbestimmen und wählen kann. Ich bin ein Teil dieser Gesellschaft.

Du sagst, Identitätsbildung ist in jedem Alter wichtig. Kannst du erläutern, an was du dabei denkst?

Müzeyyen: Dabei dachte ich an meine eigenen Eltern und ich frage mich, wie es mit ihrer Identität aussieht. Meine Eltern sind in den 70er Jahren aus der Türkei hierhergekommen. Sie haben viele gute und auch schlechte Dinge erlebt. Heute leben sie wieder in der Türkei, weil sie ihren letzten Lebensabschnitt dort verbringen möchten. Sie kommen sehr gerne hierher und sind nicht in die Türkei zurückgekehrt, weil sie die Nase voll von Deutschland haben. Sie haben die deutsche Sprache erlernt, wenn auch mit massiven Hürden, die es heute gar nicht mehr gibt. Sie haben hier viel Positives erlebt, trotzdem ist ihre Identität türkisch geblieben. Ich würde gerne mit meinen Eltern so ein Büchlein machen.

Was glaubst du, was das mit ihnen machen würde?

Müzeyyen: Sie würden erst einmal in die Zeit eintauchen, und ich bin sicher, dass da viel hochkommen würde. Die erste Frage, die ich stellen würde, wäre, ob sie es bereut haben, so viele Jahre – also ihren ganzen mittleren Lebensabschnitt – in Deutschland verbracht zu haben. Ich weiß, dass sie es nicht bereut haben, aber ich würde das gerne noch einmal von ihnen hören.

Die nächste Frage wäre: Was hat ihnen das Leben in Deutschland gebracht, außer dass sie gearbeitet und uns groß gezogen haben? Ich weiß noch ganz genau, wie sehr sie ihre Heimat vermisst haben. Wie schwierig es damals war, als mein Opa gestorben ist, von heute auf morgen ein Flugticket zu bekommen. Es war ein Sonntag. Wie sie es trotzdem geschafft haben, an dem Tag noch zu fliegen.

Es gibt viele Sachen, die wir nicht nachvollziehen können. Wir waren hier mit unseren Eltern zusammen, aber deren Eltern haben in der Türkei gelebt. Meine Mutter hat noch Briefe von meinem Opa und ich weiß, was das für einen Wert für sie hat. Das alles macht ihre Identität aus.

Durch das Reflektieren ändert sich vielleicht der Blick auf die Vergangenheit. Mein Vater ist fast 75. Ich denke, es würde ihm dazu dienen, nochmal zu sagen: Ich habe in meinem Leben vieles geschafft. Ist mir das eigentlich bewusst? Ich würde sie auch noch einmal bestärken – das mache ich mündlich sowieso schon – und ihnen sagen, wie viel sie uns beigebracht haben, dass wir stolz auf sie sind.

Sie haben es verdient, heute so zu leben, wie sie wollen und wir freuen uns, dass sie so vieles noch selbst bewältigen und dass sie so lebenslustig sind. Wenn sie das, was sie geschafft haben, selbst aufschreiben würden, würde ihnen sicher noch einmal klarer werden, dass sie stolz darauf sein können. Das würde bestimmt ihren Lebensmut stärken. Nicht, dass sie das nötig hätten, aber sicher wäre es schön, wenn sie das nochmal für sich selbst festhalten würden.

In dem sozialen Projekt, in dem du arbeitest, biete ich seit drei Jahren Schreibgruppen für eure Mitarbeiter_innen an. Inzwischen haben schon viele Menschen, die bei euch arbeiten, daran teilgenommen. Erlebst du Auswirkungen davon in euren Arbeitszusammenhängen?

Müzeyyen: Einige Teilnehmer_innen erzählen durch das Büchlein mehr über sich und lassen andere Kolleg_innen Anteil daran nehmen. Ohne dieses Buch würde es bestimmte Gesprächsanlässe gar nicht geben.

Manche haben viel in ihrem Leben geschafft, und das Büchlein bringt diese Stärke mehr zum Vorschein. Im Rückblick sieht man einiges durch eine andere Brille, man betrachtet und bewertet vieles neu. Selbst wenn man Negatives erlebt hat, kann man mit der Zeit auch Positives darin erkennen.

Die meisten Teilnehmer_innen wollen ihren Kindern und Enkeln etwas vermachen. Dieses Büchlein dann in der Hand zu halten und es der Familie überreichen zu können, bedeutet auch einen Stolz auf das, was man erlebt und vielleicht auch überlebt hat. Das ist auch ein Stück Identitätsfindung und eine Art Selbstbestätigung. Viele haben sich bedankt dafür, dass sie an deinem Projekt teilnehmen durften. Sie haben es ja nicht nur für ihre Kinder und Enkel, sondern auch für sich selbst gemacht.

Müzeyyen Yiğitler ist Teamleiterin bei Bildungsmarkt e.V./ Lotsenprojekt „Die Brücke“.
Das Interview wurde von Isabel Morgenstern geführt.