Lebensbuch für mein Enkelkind

Für mein Enkelkind

Liebes Enkelkind,

heute ist Freitag, der 24. Mai und ich habe kurz vor 12 Uhr erfahren, dass du, mein erstes Enkelkind, ein Mädchen sein wirst. Ich kann meine Gefühle nicht richtig zeigen; genauso war es auch, als ich davon erfahren habe, dass der Nachwuchs meines Sohnes unterwegs ist. Ich wollte schon früher etwas für meine Familie aufschreiben, aber jetzt, da du bald auf die Welt kommst, ist die Zeit ge­kommen, dass ich für euch ein kleines Buch schreibe.

Also, ich bin deine Oma Megi. Geboren bin ich Mitte der 50er Jahre in Kruja, Albanien, wo meine Familie ursprünglich herkommt. Ich wurde nach der ersten Frau meines Uropas benannt. Sie war eine nette und ganz besondere Frau. Weil sie keine Kinder hatten, erlaubte sie ihrem Mann, sich noch einmal zu verheiraten. Mit der zweiten Frau hat mein Uropa einen Sohn und drei Töchter bekommen. Als einziger Sohn wurde mein Opa wie ein Prinz erzogen und behandelt. Er erklärte mir, dass sein Vater Bürgermeister war und viel für die Bürger Krujas getan hat. Seinen Kindern gegenüber war er immer aufgeschlossen und tolerant. So war meine Tante sehr emanzipiert und hat vielen Frauen das Lesen und Schreiben beigebracht und ihnen dabei geholfen, den Schleier abzulegen. Opa war der bekannte Lehrer und unser Haus war die Schule für unsere Stadt Kruja.

Weil Opa der Mittelpunkt der Familie war, wurde seine Hochzeit mit meiner Großmutter groß gefeiert. Damals wurde die Braut vom Bräutigam und den Hochzeitsgästen mit dem Pferd abgeholt. Ein Kilometer lang vor der Haustür wurde ein roter Teppich ausgerollt, und an allen Olivenbäumen in unserem Garten hing ein geschlachtetes Lamm, das für die große Hochzeitsfeier gegrillt wurde. Die beiden haben sechs Söhne bekommen. Der erste erhielt zur Erinnerung an unseren Urgroßvater dessen Vornamen. Mein Vater ist der zweite Sohn und mit meiner Mutter A. verheiratet.

Ich bin das erste weibliche Enkelkind unserer Familie und wurde sehr verwöhnt. Meine Tante hat für mich den Namen ihrer Stiefmutter ausgewählt, weil sie ihr versprochen hatte, dass ihr Name weiter vererbt wird.

Im Juli 1991 wanderte ich mit meiner Familie nach Deutsch­land aus. Ich habe als Journalistin und Moderatorin für eine TV Sendung gearbeitet. Im Kontakt mit den Albanern aus Kosova und Mazedonien, die sehr gläubig sind, habe ich zuerst von der Bedeutung meines Vornamens erfahren. Seitdem liebe ich ihn und finde, dass er gut zu mir passt.

Als ich meinen ersten Sohn Anfang der 80er Jahre auf die Welt gebracht habe, besuchte uns der Onkel mei­nes Mannes aus Montenegro. Söhne sind in unserer Mentalität immer willkommen und er sagte, dass der Sohn unser Haus „beleuchtete“ und „glänzen“ ließ – ganz im Sinne seines Vornamens. Wegen meines jüngsten Sohnes habe ich eine große Dis­kussion auf dem Standesamt gehabt. Dieser Name war nicht in der offiziellen Namensliste, und die Beamtin konnte ihn nicht registrieren. Ich habe versucht, zu erklären, dass der Name eine Bedeutung hat und für uns sehr „goldig“ ist.

Ich bin in einer großen Familie aufgewachsen und erzogen worden. Als ich ein Jahre alt war, ist meine Mutter an Tuber­kulose erkrankt und ich durfte keinen engen Kontakt zu ihr haben. Dann habe ich drei Jahre lang bei meiner Oma geschla­fen. Weil sie selbst sechs Söhne hat, war ich ihr Lieblings-En­kelkind. Ich liebte meine Oma damals mehr als meine Mutter: Sie starb 1984 als ich an der Uni war.

Weitere Mitglieder unserer großen Familie sind meine Onkel _ Außerdem noch den ersten Onkel _ , der in Tirana gelebt hat. Wenn er uns besucht hat, brachte er mir neue Kleider aus der Hauptstadt mit. Sein Be­such war immer eine schöne und liebgewonnene Überraschung.

Wie Ihr wisst, komme ich aus der alten und malerischen Stadt Kruja. Der Ort war bereits im 9. Jahrhundert Bischofssitz, 1190 begründete Progon das Fürstentum Arbanon mit der Burg Kruja als Mittelpunkt. Es war das erste von ei­nem albanischen Adligen beherrschte Fürstentum. Kruja liegt etwa zwanzig Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Ti­rana am Abhang der Skanderbeg-Berge 520 Meter über der Küstenebene. Weil es so hoch über dem Meeresspiegel liegt, wird Kruja auch „Balkon des Balkans“ genannt. Von der alten Burg aus kann man die Hauptstadt und die Küste der Adria be­trachten. Das alte Schloss mit seinem Turm und Museum und sei­nem charakteristischen Basar verleihen der Stadt eine ganz be­sondere Atmosphäre. Das Klima wird durch das Meer und die Berge beeinflusst, daher gibt es oft Schnee, aber auch viele schöne und sonnige Tage.

Typisch für Kruja sind die Oliven­bäume. Einem alten und traditionellen Brauch gemäß muss jeder junge Mann, bevor er heiratet, zehn Olivenbäume pflan­zen – als Symbol der Hoffnung, der Freundschaft und des Lebens.

In Bezug auf die Olivenbäume gibt es eine sehr bedrückende Geschichte, die mein Großvater mir später erzählt hat. Von 1944 bis 1991 war Albanien ein kommunistisches Land und keiner konnte sich dagegen wehren. Der Wunsch der Partei oder besser gesagt die Parteiwünsche waren das „Gesetz“. Der Vorsitzende der Partei rief meinen Opa an und „schlug vor“, als berühmter Lehrer sollte er doch seinem Volk als gutes Beispiel vorangehen und der Stadt alle Olivenbäume unseres Gartens schenken. Mein Opa war so traurig darüber, dass er als Lehrer den anderen ein Beispiel sein sollte, obwohl dies nicht sein Vorschlag war. Wir durften also durch unseren Garten laufen, Oliven mit den Füßen treten, aber sie nicht mehr ernten.

Unser Haus ist von meinem Uropa gebaut worden und lag in der Stadtmitte, genau wo der berühmte Basar endet. Früher sah das Haus ganz anders aus. Es hatte drei Etagen, große Räume und einen riesigen Hof, wo verschiedene Bäume und wuchsen. Weil die Hälfte unseres Hauses die Schule beher­bergte, war immer etwas los. Im Hof war auch eine Wasser­quelle, die nicht nur unserer großen Familie, sondern auch den Schülern und dem ganzen Viertel zu Wasserversorgung diente. Um unser Haus herum gab es einen großen Garten, in dem nicht nur Oliven, sondern auch Maulbeeren, Feigen, Weintrauben, Quitten, Sauerkirschen, Nüsse und viele andere Früchte wuchsen. Hinter jedem Gartenbaum steckt eine Ge­schichte.

Hinter unserem Haus gab es einen roten Maulbeerbaum. Schlimm für meine Mutter war, wenn ich dort hinaufkletterte und Maulbeeren aß. „Fass ja nicht die Beeren an“, sagte sie. Dann kam ich zurück und sie hatte immer damit zu tun, mein Gesicht, meine Hände und Kleider zu waschen. Damals gab es keine Reinigungsmittel und für sie war das Waschen sehr an­strengend. Oft hat sie meinen Vater und Onkel gebeten, den Baum zu fällen.

Feigen waren und sind meine Lieblingsfrüchte. Einmal bin ich von einem Feigenbaum fünf bis sechs Meter herunter gefallen. Meine Oma und meine Mutter befürchteten schon das Schlimmste, aber ich bin aufrecht, wie auf einem Stuhl sit­zend, gelandet und konnte nicht aufhören zu lachen. Auf den­selben Feigenbaum kletterte ich, als ich im siebten Monat schwanger war. Meine Mutter rief mir zu und sagte „Tu es nicht! Bist du verrückt? – Dein Bruder holt die Feigen für dich runter!“ Aber mir schmeckten sie nur, wenn ich sie selber pflückte.

Meine Eltern sind beide in Kruja geboren, meine Mutter 1931 und mein Vater 1929. Was mich an meinen Eltern immer beeindruckt hat, war das harmonische Leben, das sie geführt haben. Mein Vater war sehr gutaussehend und die Frauen schwärmten für ihn. Für mich war er ein Vorbild und von ihm habe ich viel gelernt und geerbt. So auch mein Aus­sehen und meinen offenen und direkten Charakter. Seit ich mich erinnern kann, war er Bankdirektor. Er war in der Stadt ein respekteinflößender Mann und beliebt wegen seiner Hilfsbe­reitschaft und seinem Humor. Ich habe eine engere Beziehung mit ihm als mit meiner Mutter weil er mich sehr liebte und nie geschlagen hat. Abends nach der Arbeit brachte er mir immer Schokolade mit und hat sie mir unter das Kopfkissen gelegt damit ich nicht lange suchen musste, wenn ich wach war. Es wurde eine feste Gewohnheit in meiner Kindheit, und ich, das verwöhnte Kind, begann laut zu weinen, wenn ich sie nicht fand. „Wo ist meine ‚Lata‘?“, fragte ich dann.

Als er im Jahr 2000 plötzlich gestorben ist, ist für mich die Welt zusammengebro­chen. Obwohl ich groß und er­wachsen war, fühlte ich mich schutzlos und sehr verletzlich.

Meine Mutter war eine große Frau mit schwarzen, lockigen Haaren und gebräunter Haut. Zudem war sie sehr nett und diplomatisch. Die damalige Gesellschaft war sehr fanatisch und Frauen durften nicht in der Öffentlichkeit auftreten. Als einziges Mädchen in der Familie durfte sie die Schule nicht besuchen. Deswegen hat sie sich selbst das Lesen und Schrei­ben beigebracht. Sie war intelligent, selbstbewusst und liebte es, emanzipiert zu sein. Weil sie mit so vielen Verboten leben musste, hat sie mich frei erzogen. Ich danke meiner Mutter, dass sie mich beim Studium unterstützt und mir geholfen hat, meine Bildung zu erlangen.

Als ich Kind war, war es mir zu langweilig, mit Mädchen zu spielen. Damals gab es keinen Spielzeugladen, in dem man Spielsachen kaufen konnte. Meine Mutter hat für mich eine Stoffpuppe gefertigt, und das war die einzige Puppe, die ich hatte. Auch wenn wir nicht so viele Spielsachen hatten wie die Kin­der heute, haben die Mädchen aus unserem Viertel selber eine Puppe gebastelt. Zweige von einem Baum dienten als Beine und Körper und für den Kopf und die Hände wurde mit Stoff improvisiert.

Als Kind spielte ich oft mit den Jungen, viel­leicht weil mein jüngster Onkel nur drei Jahre älter als ich war. Besonders gerne spielten wir mit Murmeln und mit der Vogelschleuder. Wir hatten auch ein besonderes Spiel, bei dem man mit einem Stock ein Eisenrad zum Rollen bringen musste. Sehr viel Spaß machte es mir als Torwart mit den Jungen Fußball zu spielen. Onkel Murat hat mich nicht gerne mitgenommen, aber ich bin hinter ihm her gerannt. Einmal – um mich einzuschüchtern – warf er das Eisenrad nach mir, und ich wurde am Ohr getroffen. Ich habe geblutet und bin umgekippt. Bewusstlos wurde ich ins Krankenhaus eingeliefert. Seitdem hat sich kein Junge mehr getraut, mir zu verbieten, dass ich mitspiele.

Meine beste Freundin war Lindita. Außer den Mädchenspielen konnte sie gut malen, weil ihr Bruder Künstler war. Sie hat mir auch beigebracht, Farben zu kombinieren und zu malen.

1961 kam ich in die Grundschule. In unserer Klasse waren 30 Kinder. Unser Schulhaus war groß mit drei Etagen und die erste Klasse war ganz unten. Unser Klassenzimmer war groß. Trotz des kleinen Holzkamins – damals gab es noch keine Zentral­heizung – war es im Winter sehr kalt. Meine Lieblingsbank war in der ersten Reihe neben dem Fenster. Von dort konnte ich den Schulhof und unsere alte Burg sehen. Obwohl es mir nie gefallen hat, bin ich von der ersten Klasse bis zum Ende meines Studiums zur Klassensprecherin gewählt worden.

Meine Lieblingsfächer waren Mathematik, Physik und Musik. Was mir nicht gefallen hat, war die neue Geschichte Albani­ens ab dem Jahr 1944. Ich war zu faul um die Themen zu ver­längern, wenn der Lehrer mich gefragt hat. Ich erklärte nur das Wesentliche und statt der Note zehn habe ich immer eine acht be­kommen, die sogenannte „Rroga baze“. Vielleicht habe ich das Gefühl gehabt, dass die Geschichte nicht ganz stimmte.

Als Kind konnte ich gut Volleyball spielen. Als ein­fallsreicher und vielseitiger Typ, trotz all der anderen Leiden­schaften, die ich in meiner Freizeit verfolgt habe, hat dieses Spiel mir unglaublichen Spaß gemacht. Wenn wir in andere Städte zu Auswärtsspielen gefahren sind, fühlte ich mich ganz befreit von den Sorgen, die sich besonders meine Oma und mein Vater um mich gemacht haben. Ich liebte die „Freiheit“.

Durch diese positive Erfahrung habe ich beschlossen, die Fachschule und das Studium in der Hauptstadt zu absolvieren. So habe ich nach der Grundschule den Wettbewerb der Schule für Musik gewonnen. Hier kann ich sagen, dass in meine Ju­gendzeit nur sehr wenige Frauen studieren durften, weil die Familie es nicht erlaubte. Bei mir war das nicht der Fall.

Meine Mutter wollte gerne dass ich gebildet wurde, aber mein Vater war dagegen, weil er Angst hatte, mich in so jungen Jah­ren alleine und frei zu lassen. Er wollte mich nicht verletzen und äußerte den Vorwand, dass ein anderer Beruf besser für mich wäre. Schließlich habe ich meine Karriere im Bereich Musik und Kultur begonnen und konnte an der Kunstakade­mie Tirana studieren. So begann für mein Leben ein neues Kapitel.

Mit dreizehn Jahren verließ ich für immer meine wunderbare Familie und meine fanatische Geburtsstadt Kruja, die schön war, aber deren Menschen engstirnig und altmodisch waren. Ich fühlte mich erwachsen und verantwortungsvoll genug, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und nicht nur das: Weil ich das erste Mädchen unserer großen Familie war, musste ich meinen guten Ruf bewahren. Das war der größte und anstren­gendste Nachteil. Nach mir kamen noch vier Mädchen, meine Schwester und die drei Töchter meines Onkels, aber ich war sozusagen die „Vorhut“.

In meiner Kindheit feierten wir auch Feste, vor allem das tradi­tionelle Neujahr, Geburtstage, Hochzeiten usw. Nicht nur die Stimmung der Feste an sich, sondern auch die rituelle Vorbe­reitung, bei der die Frauen der Großfamilie bzw. des Stammes zusammen den Blätterteig mit der Hand gemacht haben, waren für mich als Kind ein glückliches und unvergessliches Erleb­nis. Damals bekam man diese Zutaten nur limitiert im Laden, egal wie groß die Familie war. Nicht nur die mit niedrigem Einkommen, auch die anderen Familien mussten früh damit be­ginnen, Mehl, Zucker, Butter, Eier und Nüsse zu sammeln. Aufgrund dieser Schwierigkeiten war es damals ein Luxus, das traditionelle Baklava oder Bürek zu essen.

Ich war schon immer eine romantische Person und ging oft in die Natur. Die Orte, die mir damals viel bedeuteten, waren die alte Burg und oben auf dem Berg. Von dort kann man die Hauptstadt und die Küste der Adria betrachten. Besonders im Sommer haben wir oft mit der Schule oder der Familie einen Ausflug dorthin gemacht. Der Berg ist ein heiliger Ort, den die Menschen von ganz Albanien besu­chen und dort beten.

Andere wichtige Menschen in meiner Kindheit, die mich mit Stolz erfüllten, waren meine beiden jüngeren Onkel. Einer von ihnen hat Mathematik-Physik und der andere Kulturmanagement studiert. Hätten sie mich beide nicht finan­ziell unterstützt, hätte ich das Studium unterbrechen müssen.

Was ich noch gerne erzählen möchte: Mich und meine Schwester Albertina trennt ein Altersunterschied von fünf Jah­ren. Sie hat als Kind neben der Schule sehr fleißig gearbeitet. Obwohl ich nur das Wochenende bei meiner Familie zu Hause verbrachte, habe ich mein eigenes Schlafzimmer gehabt und keiner durfte eintreten. Aber Albertina nutzte meine Kleider und das Schlafzimmer, ohne es mir zu sagen. Einen Tag bevor ich kam, putzte sie den Raum. Normalerweise haben wir uns gut verstanden. Der einzige Anlass zum Streit war, wenn ich herausfand, dass sie in mei­ner Abwesenheit meine Kleider trug.

Nachdem viele Mädchen geboren worden sind, kam Anfang der 60er Jahre der erste Erbe unserer Familie auf die Welt, und zwar meiner Bruder. Meine Großeltern, die Onkel und meine Eltern waren sehr glücklich. Meine Tante hat – wie für jedes Enkel­kind – den Namen gefunden.

(…)

Meine Liebsten, das, was ihr gelesen habt, waren einige Informationen über meine Herkunft und Kindheit. Meine Geschichte geht wei­ter…
Ich wünsche mir, dass dieses Stück der Geschichte euch stolz macht.

Eure Megi

Die Autorin bleibt auf Wunsch anonym.