Biografiearbeit und Resilienz

In den letzten Jahrzehnten ist in den Sozial- und Gesundheitswissenschaften die Erkenntnis gewachsen, dass die ausschließliche Erforschung von Defekten und Krankheiten eine einseitige Sichtweise auf den Menschen beinhaltet. Es entstanden grundlegende Konzepte, die nicht mehr Defizite, sondern Ressourcen und Wachstumspotenziale des Menschen in den Mittelpunkt stellen. Dazu gehören die Resilienzforschung, die Salutogenese, das Modell der Selbstwirksamkeit und die ressourcenorientierte bzw. Positive Psychologie.

Im Folgenden gehen wir etwas näher auf die Resilienzforschung als wichtigen Hintergrund für Biografiearbeit ein.

Grundlagen der Ressourcenorientierung:
Resilienz

Als Grundstein der Resilienzforschung gilt die Kauai-Langzeitstudie von Emmy Werner und Ruth Smith. Ab Mitte der 1950er Jahre führten sie über 40 Jahre eine Studie mit fast 700 Menschen auf der hawaiischen Insel Kauai durch. Damit wiesen sie zum ersten Mal systematisch die Einflüsse von Schutz- und Risikofaktoren auf individuelle Lebensverläufe nach (Werner 1989, 1992, 2001).

Hierbei konnten sie zeigen, wie das Resilienzprinzip wirkt: 30% aller untersuchten Personen wurden in ihren frühen Lebensjahren als sogenannte „Risikokinder“ eingestuft. Etwa einem Drittel dieser Menschen ist es trotz widriger Lebensumstände in ihrer frühen Kindheit gelungen, sich im späteren Leben zu glücklichen, fürsorglichen und erfolgreichen Menschen zu entwickeln. So wiesen Teilnehmende an der Studie, die in ihrer Jugendzeit in ihrem Verhaltens eher negativen Stereotypen entsprachen, in späteren Lebensphasen wesentlich positivere Eigenschaften auf. „Ihre schulischen und beruflichen Leistungen waren den Leistungen jener Individuen vergleichbar oder sogar überlegen, die in einem ökonomisch sichereren und stabileren häuslichen Umfeld aufgewachsen sind“ (Werner 2010, S. 31).

Resilienz bei Kindern und Jugendlichen

Die Resilienzforschung bei jungen Menschen untersucht die Faktoren, die ein positives Heranwachsen zur Folge haben. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass sich entwicklungsfördernde Faktoren bei Kindern und Jugendlichen in drei Bereichen finden (vgl. Lösel/ Bender 2008; Werner 2008a, 2008b):

  • beim Kind selbst
  • in seiner Familie
  • in seinem näheren Umfeld.

Zu diesen Schutzfaktoren gehören persönliche Eigenschaften und Prädispositionen des Kindes, eine stabile emotionale Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson sowie verlässliche Beziehungen zu Menschen im sozialen Umfeld (Morgenstern/ Memory Werkstatt e.V. 2011, 2015).

Resilienz bei Erwachsenen

In der Resilienzforschung bei Erwachsenen steht die erfolgreiche Bewältigung von Stress im Mittelpunkt. Die Tatsache, dass Stressauslöser von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein können, führte zu einer starken Ausdifferenzierung der Forschung. Vielzahl und Vielfalt der Ergebnisse belegen inzwischen, dass es auch bei Erwachsenen personale Faktoren gibt, die bei der konstruktiven Bewältigung von Stressoren helfen, und zwar bis ins hohe Alter. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2012) zählt zu den gut belegten Schutzfaktoren bei Erwachsenen insbesondere:

  • positive Emotionen
  • Selbstwirksamkeitserwartung
  • Optimismus und Hoffnung
  • soziale Unterstützung.

Biografiearbeit und Resilienzförderung

Um die Resilienz von Kindern und Jugendlichen zu fördern, muss Biografiearbeit so konzipiert sein, dass sie entwicklungsschützende Faktoren stärkt. Insgesamt stellen sich folgende Fragen: Wie müssen Biografiearbeitsprozesse gestaltet sein müssen,

  • um das Kind selbst und seine Persönlichkeit zu stärken?
  • um seine Familien zu stärken?
  • um sein nahes Umfeld zu stärken?

Diese Leitfragen sollten alle Aspekte von Biografiearbeit bestimmen, von der Planung über die Methodik bis zur praktischen Durchführung.

Um die Resilienz von Erwachsenen zu fördern, ist ein umfassendes Verständnis von Stress sowie der Vielfalt möglicher Stressauslöser notwendig. Biografiearbeitsprozesse sollten so gestaltet sein, dass die oben erwähnten Faktoren wie positive Emotionen, Selbstwirksamkeitserwartungen, Optimismus und Hoffnung sowie die Stärkung des sozialen Umfelds eines Menschen im Mittelpunkt stehen. Dabei kommt es nicht darauf an, Emotionen besonders intensiv, sondern in kleiner Dosis wiederholt und regelmäßig zu erleben. So besteht bei der Erfahrung von Lebensfreude der stärkende Effekt nicht in einem einmaligen Hochgefühl, sondern in der Fähigkeit, sich an alltäglichen Ereignissen und Beobachtungen erfreuen zu können.

Förderung von Resilienz bei Fachkräften durch ressourcenorientierte Biografiearbeit

Aus unserer Erfahrung besteht das Wissen um Resilienz nicht allein aus erhellenden Theorien, sondern auch aus einem umfassenden, täglichen Lernfeld. Da viele Menschen in der einen oder anderen Form – z.B. ihrer Schulzeit – eine Defizitorientierung erlfahren haben, gehört es auch zum Alltag von Fachkräften, diese erst wieder verlernen zu müssen. Biografiearbeit kann hier eine hilfreiche Möglichkeit zur Reflektion und Er-Innerung an die eigenen Ressourcen, Stärken und Kraftquellen bieten.

Sie möchten mehr zu dem Thema erfahren? Oder haben Interesse an einem Teamtraining oder einer Weiterbildung? Sprechen Sie uns an!

Weitere Informationen finden Sie auch in unseren Büchern:
Zum Thema Resilienzförderung bei Kindern

Projekt Lebensbuch – Biografiearbeit mit Jugendlichen
Seitenzahl: 106
Format: E-Book/ Pdf-Datei, A4 hoch
Ausgabe der Memory Biografie- und Schreibwerkstatt e.V., schwarz-weiß mit Abbildungen (teilweise farbig, teilweise schwarz-weiß) und 28 Schreibvorlagen (inhaltsgleich mit der nicht mehr erhältlichen Ausgabe vom Verlag an der Ruhr).
Preis: 14,99 €
Versand per E-Mail

Zum Thema Resilienzförderung bei Erwachsenen:

Geschichten, die Mut machen: Ressourcenorientierte Biografiearbeit mit Eltern und Großeltern
Seitenzahl: 123
Format: E-Book/ Pdf-Datei, A4 hoch
Ausgabe der Memory Biografie- und Schreibwerkstatt e.V., schwarz-weiß mit Abbildungen (teilweise farbig, teilweise schwarz-weiß) und 20 Schreibvorlagen
Preis: 19,99 €
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